Der Film "Hero"

Schwert spaltet Regentropfen

Autorenfilm der Action: Zhang Yimous berauschendes Kampfkunst-Epos "Hero" kommt ins Kino

Der Namenlose fordert seinen Gegner nicht einfach heraus. Er studiert erst sein Können. Da jener ein Meister der Kalligraphie ist, lässt er ihn das Wort "Schwert" entwerfen. 19 Arten gibt es, dieses Wort aufzuzeichnen, er aber verlangt nach einer neuen, in der die Essenz der Kampfkunst einfließen soll.

Ein wenig ergeht es dem Regisseur Zhang Yimou wie seiner Titelfigur. "Hero" ist ein Martial-Arts-Epos. Und obschon das Genre die unterschiedlichsten Varianten kennt, will er es neu buchstabieren, so wie man es noch nie gesehen hat. Er entwirft spektakuläre Kampfszenen. Lässt seine Kämpfer über Seen "fliegen", gegen einen Pfeilregen kämpfen, ja einzelne Regentropfen zerfetzen. Richtet einen Kampf nicht real, sondern meditativ aus. Und färbt einen güldenen Herbstwald in blutiges Rot.

Doch immer wieder geht es ihm um die Analogie von Kampf und Schrift, Choreographie und Kalligraphie. Mitten im Pfeilregen fängt der Kontrahent einen Pfeil mit bloßer Faust und gebraucht ihn zum Schreiben. Ein Kampf findet zwischen Türmen von Schriftrollen statt. Und die Klimax des Films ist kein entscheidendes Gefecht - sondern die Entzifferung, die Auslegung jener 20. Schreibweise. Zhang Yimou geht es um nichts weniger als eine neue Signatur der Action.

Er tut dies just zu einer Zeit, da Hollywood längst Talente aus China wie John Woo oder Chow Yun-Fat abwirbt und auch die klassischen Martial-Arts-Choreographien in eigene Produktionen wie "Blade" und "Matrix" einverleibt. Während die großen US-Studios damit zur Eroberung des asiatischen Markts ansetzen, schlägt der nun zurück: mit eigenen, international verwertbaren Blockbustern. Nach Ang Lees "Tiger & Dragon" ist "Hero" der zweite Autorenfilm der Action.

Er fährt Statistenheere auf, die sich heute eigentlich keiner mehr leisten kann. Er vereint mit Maggie Cheung, Tony Leung, Zhang Ziyi und dem eigentlich schon an L.A. verlorenen Jet Li die angesagtesten Stars des Ostens. Und scheut keine Kosten: Mit umgerechnet 30 Millionen Euro ist er nicht nur doppelt so teuer wie "Tiger & Dragon", sondern der aufwändigste je in China produzierte Film überhaupt.

Vielleicht kein Zufall, dass die Erzählstruktur ein wenig "Rashomon" ähnelt, jenem Film, mit dem vor über 50 Jahren das japanische Kino im Westen "entdeckt" wurde. Auch "Hero" erzählt seine Geschichte gleich mehrfach, aus unterschiedlichen Perspektiven. Aber im Gegensatz zu Kurosawas Schwarzweißklassiker tut er dies in streng stilisierten Farben, als wolle Zhang zugleich auch Kieslowskis "Drei Farben"-Trilogie imitieren.


Die erste, längste Version ist natürlich in Rot getaucht, Zhangs originäre Farbe seit seinem gefeierten Debüt "Das rote Kornfeld"; die zweite in Blau und die dritte (mit kleinem Abschweif ins Grün) in blütenreines Weiß, in China die Farbe der Trauer. Drei Mal also, mit denselben Gewändern, aber in wechselnden Farben treten Tony Leung und Maggie Cheung gegeneinander an. Und wer in Wong Kar-Wais "In the Mood for Love" litt, weil die beiden nie ein Paar wurden, wird hier reichlich entschädigt durch dreifachen Liebestod.


Lange wurde nicht mehr so in satten Bildern geschwelgt, lange nicht mehr in solch epischem Atem erzählt. Und doch hat dieses berauschende Oeuvre die Zhang-Gemeinde auf den Kopf gestellt. Die ihn früher schmähten, glorifizieren ihn nun. Und umgekehrt. Zhang, der stets kritische Untertöne einfließen ließ und dafür mit Zensur und Reiseverboten zu kämpfen hatte, scheint sich mit dem Regime arrangiert zu haben.

Er durfte, ein Staatsakt, in der Verbotenen Stadt "Turandot" inszenieren und kürzlich die offiziellen Werbefilme für die Olympiade 2008 in Peking und die Expo 2010 in Shanghai drehen. "Hero" wurde nun gar in der Großen Halle des Volkes uraufgeführt, dem Allerheiligsten der kommunistischen Partei. Und der Film glorifiziert den ersten Kaiser von China, den auch Mao verehrte.

Jener Kaiser Qin hat vor über 2000 Jahren die sieben Reiche von China geeint, hat die Große Mauer errichtet, Gewichte, Münzen, auch die Schriftzeichen standardisiert. Aber er hat auch Bücher verbrennen und Hunderte von Gelehrten töten lassen. In "Hero" macht Jet Li zwei Attentäter unschädlich, um vom Kaiser gefeiert zu werden - und ihn dann selbst liquidieren zu können. Im entscheidenden Moment aber besinnt er sich eines anderen: weil das Land stets vor dem Einzelnen kommt und der Sinn jeden Kampfes nur darin bestehen kann, Frieden zu erhalten. Das werten viele als Kotau vor dem Kommunismus, manche gar als Rechtfertigung des Massakers auf dem Tiananmen-Platz, das 1989 ebenfalls mit dem "Schutz der Stabilität und des Friedens" rechtfertigt wurde.

Wer so argumentiert, muss dem Film immerhin zugute halten, dass er in China eine Debatte ausgelöst hat, die auch in den staatlich gelenkten Medien geführt wird. Was bis vor kurzem unmöglich schien: kennt man sich dort doch nur allzu gut mit Stellvertreterdebatten aus, die die alten Machthaber kritisieren und die neuen meinen.

Zumindest das Ende des Films bleibt doppeldeutig. Da erkennt der Kaiser die wahre Bedeutung des 20. Schriftzeichen: Erst gelte es eins zu werden mit der Waffe, dann sie aus der Hand zu legen und schließlich ganz aus dem Herzen zu bannen. Damit erschüttert Zhang Yimou nicht nur die Grundfeste des Action-Kinos. Er entwirft auch eine politische Utopie. Das freilich auf Popcorn-Niveau. Aber so ist das halt mit Blockbustern. Auch wenn Autorenfilmer sie drehen.