Ob man ein Glas als halb leer bezeichnet oder als halb voll, verrät einiges über die Grundeinstellung des Betrachters. Auch bei der Beurteilung des zwischen den Woelffer-Bühnen und dem neuen Besitzer des Kudamm-Karrees gefundenen Kompromisses kommt es auf die Perspektive an.
Für Theaterdirektor Martin Woelffer zählt in erster Linie, dass er wieder an den alten Standort zurückkehren kann, einen langfristigen Mietvertrag erhält und bis zum Auszug keine Miete mehr bezahlen muss. Den Preis, den er dafür bezahlt, ist allerdings hoch: Beide Theater werden im Sommer 2010 geschlossen, Kündigungen sind nicht ausgeschlossen, eine Ausweichspielstätte gibt es bislang nicht – und hinterher steht Woelffer nur noch eine Bühne zur Verfügung.
Für Berlin kommt es noch schlimmer: Denn im Rahmen des Umbaus des Kudamm-Karrees werden die beiden von Oskar Kaufmann in den Zwanzigerjahren gebauten und unter anderem von Max Reinhardt bespielten Theater abgerissen. Wieder verschwindet ein Stück Geschichte aus der Stadt. Auch wenn der irische Investor Ballymore versichert, dass die schönsten Stücke aus beiden Theatern eingelagert und später dann in das neue eingebaut werden.
An diesem Verlust freilich ist die Politik mitschuldig. Woelffers Verhandlungsposition war ziemlich schwach. Denkmalschutz für die Theater war politisch nie gewollt. Und eine Bestandschutzklausel für die beiden Bühnen hat sich der Senat vor zehn Jahren für ein paar Millionen Euro abkaufen lassen.
Deshalb sollte sich das Land jetzt nicht zieren und die Woelffer-Bühnen unterstützen: Bei der Suche nach einer Ausweichspielstätte und auch durch eine finanziellen Unterstützung während der schwierigen Zeit des Umbaus.


