Kaum jemand hätte Grete ein erfülltes Hundeleben prophezeit - als letztgeborene und hässlichste in einem Mischlingswurf. Doch dann zeigte Peter Sattman das Häufchen Elend seiner Kollegin Brigitte Grothum. Die wollte eigentlich keinen Hund mehr. Aber dann trafen sie blauen Welpenaugen mitten ins Herz.- "Die nehmen wir. Die will sonst keiner", sagte sie zu ihrem Mann. Ihr Mitleid und ihr tiefgehender Blick wurden belohnt, denn heute ist Grete - halb Dogge, halb Rottweiler - eine bildhübsche Hundedame mit Charakter. Der ganze Stolz des Frauchens und immer mit dabei, wenn Brigitte Grothum unterwegs ist.

Nicht nur privat, auch beruflich beweist Brigitte Grothum Weitsicht. Seit 1987 organisiert und produziert sie erfolgreich die "Jedermann"-Festspiele im Berliner Dom. In diesem Jahr bereits zum 22. Mal. Genauso oft führte sie Regie. Seit zwei Monaten stehen die Proben zum "Jedermann" wieder auf der Tagesordnung und könnte Grete sprechen, hätte sie viel Aufregendes zu berichten. Einen kleinen Einblick auf das, was die Zuschauer beim Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthals erwartet, gibt daher Brigitte Grothum selbst. Dass sie über siebzig ist, merkt man ihr dabei nicht an, so viel Power strahlt sie aus. Ihr Geheimnis: "Die Bühne ist für mich ein Lebensbrunnen. Da habe ich das Gefühl, es gibt keine Zeit, kein Alter und keine Schmerzen. Manchmal denke ich natürlich schon, du könntest jetzt deine Ruhe haben. Du bist ja alt genug, um den Lebensabend mit deinem Mann zu verbringen. Aber irgendwas treibt mich noch um. Solange es mir noch Freude macht, habe ich auch die Kraft dafür", verrät sie.

Das Gleichnisspiel birgt für die Schauspielerin und Regisseurin auch nach über zwei Jahrzehnten noch viel Spannung: "Es ist eine moralische Geschichte, die immer aktueller wird, weil wir leider in einer Zeit leben, in der die Werte, die da angesprochen werden, immer weniger Platz in unserem Leben haben", weiß sie. Es ärgert sie, welchen schlechten Idealen und Einflüssen die Jugend ausgesetzt ist, die keinen Maßstab mehr hat, an dem sie sich orientieren könnte: "Wir lassen uns immer mehr vom Materiellen leiten. Menschlichkeit und Nächstenliebe treten dabei in den Hintergrund. Dem oberflächlichem Leben wird im "Jedermann" der Spiegel vorgehalten. Ein Mensch, der sich mit Quatsch und Geld betäubt hat, muss sich am Ende fragen, was hast du eigentlich aus deinem Leben gemacht. Da liegen dann seine Werke. Ein Haufen Müll!"

Mischung aus Oratorium und Schauspiel

Brigitte Grothum spielt den Glauben in der Allegorie vom Sterben eines reichen Mannes. Sie sei ein gläubiger Mensch, ohne klerikal zu sein. Sonst könne sie den "Jedermann" gar nicht machen, bekennt sie. Die Inszenierung selbst ist übrigens schon in darstellerisch-technischer Hinsicht ein kleines Meisterwerk, denn die Akustik im Berliner Dom ist durch einen extremen Hall äußerst schwierig. "Wir können nicht einfach naturalistisch drauf losspielen. Ich sage immer, wir haben eine Domfassung", witzelt die Regisseurin. "Eine Mischung aus Oratorium und Schauspiel."

Erstaunt ist sie immer wieder darüber, dass sie stets etwas Neues in dem Stück entdeckt, mit dem sie sich schon so lange intensiv beschäftigt. "In diesem Jahr reizt mich das besonders, weil wir eine neue Besetzung haben und da bekommt man natürlich auch neue Impulse", sagt sie und schwärmt von Winfried Glatzeder, der erstmals die Rolle des Jedermanns übernommen hat: "Ich habe alles auf ihn zugeschnitten. Er ist ein moderner Jedermann. Ein Banker oder Geschäftsmann. Als der soll er auch auftreten. Ich kann ihn mir gar nicht im Kostüm vorstellen." Neben heutiger Kleidung gibt es auch moderne Musik. Einen verjazzten Bach. "Es ist ein Abtasten: Wie weit kann ich den Zuschauern zumuten, dass sie neue Wege mitgehen. Es ist trotz allem noch das gleiche Stück, der gleiche Text und die gleiche Sprache", erklärt Brigitte Grothum.

Gespannt sein darf man auch auf die Rolle der Buhlschaft. Nach Barbara Becker und Jenny Elvers diesmal gespielt von Mariella Ahrens. "Sie ist das Objekt für Luxus. Der optische Kick und bei der Tischgesellschaft die zentrale Figur mit allen Farben einer Frau", findet Brigitte Grothum. Daher wird die Buhlschaft gern mit Schauspielerinnen besetzt, deren privater Background mindestens ebenso schillernd ist. Ein bisschen Futter für die Klatschblätter.

Aber schließlich ist der Berliner "Jedermann" auch längst ein gesellschaftliches Ereignis.

"Jedermann" im Berliner Dom in Mitte. In diesem Jahr steht das Schauspiel bis zum 26. Oktober auf dem Spielplan (täglich 20 Uhr, freitags, sonnabends und sonntags auch 15 Uhr ) .