Man würde eigentlich gern den Film über Spinalanästhesie sehen, den Joscha Sauer einmal gedreht hat. Fünf Jahre ist das her, der Frankfurter hatte gerade seinen Zivildienst abgeschlossen und wollte voller Schwung ins Berufsleben eintreten. Wie so viele junge Menschen in der Jahrtausendwendezeit fand er eine Anstellung in einer Internet-Firma. In Sauers Fall war es ein Medizin-Portal, super Geschäftsidee, und weil der gute Joscha ein Faible fürs Kino hatte, sollte er doch flugs mal den Pschyrembel verfilmen, von A wie Akne bis Z wie Zyste. Wie gesagt, es kam ein Lehrfilm über Spinalanästhesie dabei heraus. Und Joscha Sauer war kurze Zeit später arbeitslos.
Die Visualisierung ernster Themen, so weiß man heute, führt bei dem Hessen eben zwangsläufig zu unerwünschten Nebenwirkungen. Kichern etwa. Und zwar über so endgültige Dinge wie den Tod. Oder Selbstmord. Und sogar über das Fest der Feste.
So geht's ja nun nicht: Da hängt der Weihnachtsmann, ein bekanntermaßen alleinstehender Bartträger, am Telefon und muß seiner Mutter erklären, daß er nicht in sein altes Zimmer zurückziehen wolle. Ihm gefalle sehr gut am Nordpol und "nein, Mutter, ich versuche mit diesen Geschenken nicht, mir Freunde zu kaufen". Wenn Woody Allen Christ und Zeichner wäre, würde er wahrscheinlich ähnliche Bilder ersinnen wie die, die Joscha Sauer in seinem aktuellen Band "Nichtweihnachten" (Carlsen, Hamburg. 10 Euro) versammelt hat. Am Pol ist die Hölle los.
Sauer zeichnet Cartoons, seitdem er seinen Job verlor. Zuerst sei es nur eine Beschäftigungstherapie gewesen, erklärt der 27jährige. Und ein Experiment. Jeden Tag fertigte er ein Bild an und stellte es unter der Webadresse www.nichtlustig.de für jedermann zugänglich ins Netz. In der ersten Zeit interessierten sich nur eine Handvoll Leute für die Zeichnungen. Ein bißchen später waren es 1000. "Nach einem Jahr hörte mein Zahlenvorstellungsvermögen auf", sagt Sauer.
Mehrere Zehntausend besuchten täglich seine Internetseite, deren Namen "Nichtlustig" der Startup-Cartoonist bewußt gewählt hatte, um die Erwartungshaltung niedrig zu halten. Es half nichts. Die Leute wurden lachsüchtig und spendeten dem anfangs darbenden Zeichner sogar Geld, nachdem aus seiner Berliner Wahlheimatswohnung ein Spendenaufruf ins Netz gedrungen war. Das Internet-Portal, das ihm für die Nutzung seiner Bilder einen Vertrag auf Lebenszeit und einen stets gefüllten Kühlschrank versprochen hatte, war gerade pleite gegangen.
Dann wurde die Old Economy in Form des Hamburger Carlsen-Verlags auf Sauer aufmerksam. 2003 erschien "Nichtlustig" zum ersten Mal in Buchform; die drei bislang erschienenen Bänder haben sich inzwischen über 200 000 mal verkauft. Joscha Sauer ist damit der wohl erfolgreichste deutsche Cartoonist unter 30 Jahren. Zum Beweis erhielt er 2004 bei der Frankfurter Buchmesse den zum ersten Mal verliehenen Comic-Publikumspreis "Sondermann", benannt nach dem Protagonisten im Werk des gleichermaßen großen wie toten Bernd Pfarr.
Wer nun etwas von fortgesetzten Traditionslinien raunen möchte, wird von Sauer rasch gebremst. Was die "Neue Frankfurter Schule" sei: damit habe er sich bis vor kurzem überhaupt nicht beschäftigt, erklärt er. Tiefschürfende Humoranalysen seien ihm zuwider, "Tabuthemen" ein Unwort. Er fände Sachen gut, die man noch nicht gesehen habe. Klingt nebulös, stimmt aber irgendwie. Denn ungeachtet einer milde erkennbaren Verwandtschaft zu Gary Larsons und Garfields Humor-Kosmos ist Sauers Welt eine terra incognita, die von lauter wunderlichen Wesen bevölkert wird. Als da wären: unterbelichtete Yetis. Ein gewisser Herr Riebmann, der in der Wand wohnt. Verrückte Wissenschaftler, die so bahnbrechende Dinge wie einen "Pupsumkehrer" erfinden (man riecht den Magenwind, bevor man ihn hört). Der Sensenmann. Sein Pudel. Und immer wieder die putzigen Lemminge, die sich in allen erdenklichen Varianten kollektiv zu entleiben suchen.
Bei den Nagern dürfte es sich um Sauers zweifellos genialste Erfindung handeln. So niedlich die Viecher mit ihren großen Augen und den vorstehenden Mümmelzähnchen gezeichnet sein mögen, so abgrundtief morbide ist ihr Inneres. Am besten illustriert der berühmte Cartoon "Lemming-Terminkalender", der vor zwei Jahren die Runde in den Büronetzwerken der Republik machte, diese Humor-Fallhöhe (im wahrsten Sinne des Wortes). Zu sehen ist auf dem Bild, wie Lemming-Papa aufmerksam die auf der Lemming-Küchenwand angepinnte Tages-Agenda studiert: "13 Uhr: Klara zum Klavierunterricht bringen. 14 Uhr: Kleider aus der Reinigung holen. 15 Uhr: Selbstmord mit den Meiers. Och nöö. Ich hasse die Meiers".
Disney habe ihn auf letzteres gebracht, gesteht Sauer. Und zwar mit einem hochdramatischen Naturfilm, der den Massenselbstmord der Lemminge erschütternd dokumentierte. Wichtig ist der Nachsatz: "Die Filmemacher haben nachher zugegeben, daß sie die Tiere eigenhändig die Klippe runtergeschmissen haben". Das ist in der Tat nicht lustig. Bringt aber alle die zum Grinsen, die ähnlich wie Sauer mit Micky Maus und Pulp Fiction aufgewachsen sind. Die Lemminge treten natürlich auch in "Nichtweihnachten" auf. Sie backen Plätzchen (und hüpfen gleich mit in den Ofen) oder ziehen den Schlitten des Weihnachtsmannes (er kommt nur bis zur nächsten Klippe). Keine Frage: Diese Feiertagsanästhesie macht vollkommen schmerzfrei. Freut euch Kinder, heut wird's nichts geben.




