Berlinale

Tom Cruise verursacht mit "Walküre" Albträume

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Hanns-Georg Rodek

Der Film "Walküre" über den Hitler-Attentäter Stauffenberg soll schon Ende Dezember in die US-Kinos kommen. Damit ärgert Tom Cruise ausgerechnet das größte deutsche Filmfestival. Denn Berlinale-Chef Dieter Kosslick hatte "Walküre" bereits fest eingeplant. Das ist jetzt nicht mehr so einfach.

Versetzen wir uns einen Moment in die Gedanken von Dieter Kosslick, dem Direktor der Berliner Filmfestspiele. Ein roter Teppich... Hunderte von Blitzlichtern... Tom Cruise schreitet auf den Festivalpalast zu... der Geist von Graf Stauffenberg weht über dem Potsdamer Platz... die Welten von Kino, Geschichtsschreibung und Politik blicken mit vereintem Interesse gebannt auf sein Ereignis, die Eröffnung der Berlinale 2009 mit dem Film „Walküre“. Und die Aufmerksamkeitsquoten explodieren! So sehen Wunschträume aus.

Manchmal allerdings wandeln sich Wunschträume unversehens zu Albträumen, und es könnte sein, dass die „Walküre“ inzwischen düster-dräuend Kosslicks Nächte stört. Diese Phase dürfte begonnen haben, als der Fox-Verleih den 5. Februar 2009 als den Tag festlegte, an dem sein Film in deutschen Kinos starten soll.


Das ist – rein zufällig – jener Tag, an dem die Berlinale beginnt. Nicht, dass der US-Verleih Kosslick vorher gefragt hätte oder vorher fragen müsste. Nur: Kann sich jemand vorstellen, dass an diesem Donnerstag in 1000 deutschen Kinos eine Bombe explodiert und es nur in einem – dem Festivalpalast am Potsdamer Platz – dem Grafen verwehrt wird, Deutschland zu retten?

Das ist natürlich unvorstellbar: Mit der Festlegung des Startdatums hatte sich „Walküre“ die Berlinale ausgesucht – und nicht die Berlinale unabhängig ihren Eröffnungsfilm, wie es eigentlich üblich ist. Der Festivaldirektor hatte keine Wahl, er musste das Geschenk annehmen – obwohl inzwischen Zweifel an der Güte dieses Präsents aufgekommen sind. Als „Trost“ blieb ihm eine Welturaufführung mit dem größten Star des Weltkinos auf seinem roten Teppich, was auch nicht zu verachten ist.

Doch diese Freude ist seit gestern nicht mehr ungetrübt, ließ doch die Produktionsfirma MGM verlauten, sie wolle „Walküre“ nicht erst am Tag nach der Berliner Premiere in die amerikanischen Kinos bringen, sondern bereits sechs Wochen vorher, am 26. Dezember. Zugespitzt kann man den Grund auf einen einfachen Nenner bringen: MGM sind die Berlinale, der deutsche Geschichtsstolz und das schon ans Manische grenzende Interesse hiesiger Medien an „Walküre“ ziemlich gleichgültig – so lange es um den Ehrgeiz von Mr. Cruise geht.

Der Unterschied zwischen den zwei Terminen liegt schlicht darin, dass Cruises Stauffenberg bei einer Uraufführung im Dezember noch rechtzeitig für eine Oscar-Nominierung dran ist – und im Februar nicht mehr. Man hat es also nicht leicht als Festivalchef. Kosslicks „Geschenk“ hat an Wert verloren, aber ablehnen kann er es eigentlich immer noch nicht – es sei denn, Hollywood fängt nun auch noch an, mit dem deutschen Startdatum zu spielen.