Late Night

Anne Will und die Hartz-IV-Drückeberger

| Lesedauer: 3 Minuten
Sandra Fomferek

Welche Jobs sind für Arbeitslose zumutbar, und wann darf Hartz IV gekürzt werden? Bei Anne Will berichtete der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff von den Missständen bei den Billig-Jobs. Ein prominenter Politiker weigerte sich, das System mal selbst undercover im Blaumann zu testen.

CSU-Politiker Markus Söder verkleidet als türkischer Hilfsarbeiter, unterwegs, um die Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt besser zu verstehen: Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hätte beim Sonntagstalk mit Anne Will am liebsten sofort zu Make-up und Perücke gegriffen, um Bayerns Europaminister einen Blick in die Realität zu ermöglichen. „Sie verkleiden sich als türkischer Arbeiter und gehen mal in die Brennpunkte hinein. Ich berate Sie dabei“, versprach Wallraff. Der 65-Jährige hatte zuletzt undercover Missstände in einem Call-Center und einer Backwarenfabrik aufgedeckt. „Nehmen Sie doch das Angebot an, Herr Söder!“, forderte auch begeistert Sitznachbar Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, der kurzfristig für seinen erkrankten Parteikollegen Cem Özdemir eingesprungen war.

Aber Söder sträubte sich. Bei der zentralen Frage der Sendung „Kein Geld für Drückeberger – Ist jeder Job besser als keiner?“ versteckte sich der CSU-Politiker lieber hinter nett klingenden Allgemeinsätzen vom „fordern und fördern“, sprach davon, die Menschen „mit der Arbeit zu versöhnen“ und, dass doch jede Arbeit gleich viel wert sei.


„Sie kennen sich nicht aus. Sie thronen hier zwischen Brüssel und München“, warf ihm deshalb Autor Wallraff vor. Ein Versagen des Staates und ein nicht funktionierendes Bildungssystem sind für ihn die Ursachen für Arbeitslosigkeit und Armut. Die wenigsten würden sich trauen, einen Job zu verweigern: „Manche fühlen sich schon fast wie Zwangsarbeiter“, kritisierte Wallraff.


Welche Jobs noch zumutbar und wie viele Kürzungen vertretbar sind, darüber ging die Meinung in der Runde stark auseinander. Putzkolonnen von Ein-Euro-Jobbern, die „wie um die Jahrhundertwende“ Lampen putzen – das habe nichts mit Fördern zu tun, beklagte die Gründerin der Dresdner Tafel, Edith Franke: „Es hat nur mit Fordern von irgendwelchen Tätigkeiten zu tun, die nicht die Persönlichkeit des Arbeitslosen im Blick haben.“

Grünen-Politiker Mutlu war auf ihrer Seite. Völlig „unsinnige Aufgaben“ verstärkten die Frustration nur. Die Arbeit sollte auch eine Perspektive bieten. Die Jobzentren müssen individueller beraten und die Hauptschule gehöre abgeschafft, weil sie „Underdogs“ produziere, erklärte er.


Über das Bildungssystem schimpfte Heinz Buschkowsky zwar auch gerne, seine Mission war aber in erster Linie Werbung für seine Arbeit als Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln zu machen.

Sein Mitleid mit dem 15-jährigen Sofagast, dessen Verdienste aus dem Ferienjob auf den Hartz-IV-Bezug seiner Mutter angerechnet werden, hielt sich dementsprechend in Grenzen. Ein Teil des Geldes dürfe er ja noch behalten, befand auch Söder. Warum das demotivierend für den 15-Jährigen sein sollte, der sich selbst um den Job bemüht hatte, konnten weder Söder noch Buschkowsky nachvollziehen.

Im Kreis der heftig durcheinander redenden Platzhirsche hatte es die 65-jährige Edith Franke von der Dresdner Tafel schwer, sich Gehör zu verschaffen. Sie wirkte im Laufe der Diskussion immer bedrückter. Während Söder rosig die Verhältnisse in Bayern pries, sah sie schwarz für Deutschland. Nicht die Bildung sei die Schwierigkeit, sondern das Land habe ein „knallhartes soziales Problem, das sich immer weiter verschärft.“ „Wer unten ist wird unten bleiben“, resümierte sie.