Olmert hatte am Mittwochabend angesichts schwerer Korruptionsvorwürfe angekündigt, nicht mehr als Vorsitzender der Kadima-Partei zu kandidieren und nach der Wahl eines neuen Parteichefs in sieben Wochen als Ministerpräsident zurückzutreten.

Als Grund für seine Entscheidung nannte Olmert die „unaufhörlichen Angriffe auf meine Person“. Olmert steht unter anderem im Verdacht, innerhalb von 15 Jahren rund 150.000 Dollar vom US-Spendensammler Morris Mosche Talansky angenommen zu haben. Gegen den Regierungschef, der seit 2006 im Amt ist, wird auch wegen Spesenbetrugs ermittelt.

Nachfolger gehen schon in Stellung


Jetzt bringen sich Olmerts potenzielle Nachfolger in Stellung. Oppositionsführer Benjamin Netanjahu rechnet sich gute Chancen auf die Nachfolge aus, und auch Olmerts Koalitionspartner Ehud Barack sieht sich schon auf dem Sessel des Regierungschefs Platz nehmen. Beide machen keinen Hehl daraus, für wie schwach sie Olmert halten. In ihren Augen hat er den Libanon-Feldzug gegen die Hisbollah vermasselt.

Die Vorwürfe finden Gehör. Sie sprechen ur-jüdische Instinkte an, die aus der Diaspora-Zeit stammen und mit der Furcht vor der Vernichtung verbunden sind. Wenn auch über die Jahrzehnte abgeschwächt, so schimmert in Israels Gesellschaft noch immer ein Entweder-Oder als bewusste Abkehr vom Ghetto-Schicksal durch: Entweder diasporahaft-unterwürfig oder hebräisch-männlich. Kaum einer bemerkt, wie diasporahaft die Unterscheidung selber ist, wie sehr die zuweilen hohlen Kraftdemonstrationen direkt aus dem Ghetto kommen – tatsächliche Bedrohung hin oder her.

Ein Kriegsverlierer hat es in diesem Entweder-Oder schwer, und auch Frauen in der Politik sind in dieser Atmosphäre in Gefahr, übergangen zu werden. So sind die Zweifel berechtigt, ob die seit 2006 amtierende Außenministerin Zipi Livni es als Nachfolgerin Olmerts schaffen würde. Erstmals ausgesprochen hat sie kürzlich ihr Parteifreund und Rivale, der ehemalige Verteidigungsminister Shaul Mofaz. Livni, so Mofaz, habe nicht das Zeug dazu, das kleine Land mit den großen Sicherheitsproblemen zu führen. „Purer Sexismus“, antworten darauf selbst Oppositionspolitikerinnen wie Sahava Galon von der linken Meretz-Partei. Sie verweist darauf, wie viel Schaden gerade die Männer in Israels Politik angerichtet haben.


Die Mehrheit der Israelis sieht das – zurzeit! – genauso. Sie sind der Affären müde und wollen einen Wechsel. Folgt man den Umfragen, wünschen sich die meisten von ihnen Livni als Nachfolgerin des derzeitigen Regierungschefs. So hat sie, die am 5. Juli gerade fünfzig Jahre alt geworden ist, beste Chancen, die Vorwahlen in ihrer Kadima-Partei zu gewinnen.

Diese sind für den September geplant. Ob es am Ende zu einem Wahlsieg reicht, vermag man nicht zu sagen. Livni müsste wie Olmert wohl ein Bündnis mit den Religiösen eingehen, und diese lassen sich – wenn überhaupt – nur zähneknirschend von Frauen regieren. Zudem könnte Irans Präsident Ahmadinedschad der Zivilistin den Weg in den Amtssitz des Premiers versperren.

Mehr und mehr Israelis fürchten, dass ihr Land am Ende allein gegen die iranische Atommacht vorgehen muss. Gleichzeitig wissen sie, dass diese Auseinandersetzung der wohl gefährlichste Konflikt seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 werden würde. In einem Kampf auf Leben und Tod aber könnten die Chancen für eine Frau an der Spitze schwinden. Die Zeiten des Krieges waren in Israel bisher meist die Stunde der Männer.

Vorbild Golda Meir

Zipi Livni weiß das. Nicht von ungefähr erwähnt ihr Umfeld immer wieder Golda Meir, die große, alte Dame der israelischen Politik. Doch „Golda“, wie alle Israelis Meir bis heute zärtlich nennen, gehörte zur Gründergeneration des Staates und konnte hart sein wie der Felsen des Hermon. Zudem stand die angeblich so verschrobene Alte schon zu Lebzeiten unter Denkmalschutz und machte weidlich Gebrauch davon. Zipi Livni, die neue „Golda“? Wohl kaum.

Unerbittlich und hart kann sie dennoch sein. Livni zögert nicht, diesen Zug derzeit besonders herauszustellen. Wer sie nach ihren Gefühlen fragt, dem wirft sie einen eisigen Blick und die Antwort zu: „Über Gefühle spreche ich mit meinen Kindern.“ Das war nicht immer so. Wer sie noch als junge Oppositionspolitikerin kennen gelernt hat, der sah eine Frau mit weichen Zügen, der dann und wann ein lustiges Blitzen über das Gesicht flog.

Auf Nahostkonferenzen kam es zuweilen vor, dass sich ein Schleier der Langweile über ihr Antlitz legte. Dann gähnte sie leise, aber ausgiebig. Wer es unter ihrem schläfrigen Auge wahrnahm, dem begegnete sie mit einem entwaffnenden Lächeln. Die Müdigkeit wich, wenn linke Israelis oder Palästinenser sprachen.

Viele Jahre lehnte Zipi Livni die Friedenspläne von Yitzhak Rabin ab. Die Gegnerschaft zum Friedensprozess war sogar der Grund dafür, warum die Wirtschaftsanwältin in die Politik ging. Doch sie hat sich gewandelt. Wer wissen will, um wie viel Grad, der muss nach Tel Aviv fliegen, sich dort in ein Auto setzen und den Nahalat Yitzhak Friedhof am Rande der Stadt besuchen, der sich wie ein breiter, abgeknickter Pfeil durch die Straßen zieht.

Wer sich durchfragt, der erreicht einen besonderen Grabstein. Auf ihm ist das biblische Israel mit dem heutigen jordanischen Königreich eingraviert, eben das Großisrael der Rechten. In der Mitte haben die Kinder des Verstorbenen auf dessen Wunsch ein Gewehr, ein Bajonett und die Worte meißeln lassen: „Nur auf diese Weise“. Die Ruhestätte gehört Eitan, Zipi Livnis Vater. Er starb 1991.

Rechtskonservativ aus Tradition

Livni stammt aus einer angesehenen Irgun-Familie, jener Bewegung, die auf Zeev Jabotinsky zurückgeht, in Menachem Begin ihren politischen Leitstern sah und ein Israel in biblischen Maßen erträumte. Eitan wie auch Livnis Mutter kämpften gegen die Briten und für ihren Traum. Noch heute singt die rechte Likud-Jugend dann und wann die Kampflieder der ersten Stunden, etwa „Auf den Barrikaden“. Es handelt von dem Mut der „kleinen Sarah“ Rosenberg – Zipi Livnis Mutter. Nahezu jedes Wochenende besuchten die Livnis das Tel Aviver Apartment der Familie Begin.

Zipi selbst war dort häufig zu Gast. Sie hat die Ideale der Eltern viele Jahrzehnte hindurch geteilt. Im Grunde hält sie sogar bis heute daran fest: „Ich glaube an unser Recht auf das ganze Land“, erklärte sie noch vor einem Jahr in einem Gespräch mit der New York Times, „aber irgendwann fühlte ich, dass es wichtiger ist, einen Kompromiss zu schließen. Wir können die Frage nicht beantworten, wer 1948 Recht oder Unrecht hatte. Die Palästinenser können sich im Recht fühlen und ich als Israelin kann mich im Recht fühlen. Wir haben heute nicht über die Geschichte zu entscheiden, sondern über die Zukunft.“

Manche Deutsche mögen diese Vernunft als natürlichen Reifeprozess werten, so wie es hierzulande viele Achtundsechziger erlebten, die quasi ihre Dienstzeit als aufgebrachte Linke und empörte Bürger abgeleistet haben und die Welt nun friedlich und satt betrachten. Doch im Falle Zipi Livnis irren sie.

Wie ihr Ziehvater Ariel Scharon, den sie seit Jugendtagen kennt und der sie förderte, seitdem sie in die Politik ging, ist Livni von der Angst beseelt, dass die Palästinenser Israel mit Hilfe ihrer Fruchtbarkeit besiegen und die Juden im jüdischen Staat eine Minderheit werden könnten. Diese Furcht ist die Triebkraft des Wandels im Weltbild der einstigen Likud-Politikerin und die große Gemeinsamkeit zwischen ihr, Sharon und Olmert, dem Kronprinz des legendären Ministerpräsidenten neben Kronprinzessin Livni.

Gemeinsam haben sie den Abzug der Israelis aus dem Gazastreifen geplant. Ihm sollten weitere einseitige Räumungen im Westjordanland folgen. Der Terror der Hamas zerstörte das Vorhaben. Zusammen haben sie auch die Idee ausgeheckt, eine neue, unideologische Partei in der Mitte der Gesellschaft zu gründen, die sie Kadima („Vorwärts“) tauften.

Kampf um Scharon-Nachfolge

Der Schlaganfall Sharons beendete die Eintracht der Erben. Obwohl beliebter als Olmert, ließ Livni dem Rivalen den Vortritt im Parteivorsitz und fühlte sich sofort danach von Olmert übergangen. Seither herrscht ein Katzenkampf zwischen den beiden: ein Sich-Umschleichen und Belauern mit verdeckten Krallen und leisem Gefauch.

Nur einmal wagte Livni den Angriff – und verlor. Als die Winograd-Kommission im Sommer letzten Jahres schwere Versäumnisse des Ministerpräsidenten im Libanon-Feldzug feststellte, da forderte Livni lautstark Olmerts Rücktritt, ohne die Konsequenzen zu ziehen, nachdem Olmert im Amt blieb. Selbst ihr wohlgesonnene Kommentatoren schlugen hinterher auf sie ein, bezeichneten sie als führungsschwach.

Der Vorwurf haftet Zipi Livni bis heute an. Er mag ihr in den kommenden Wochen des innerparteilichen Wahlkampfes noch Probleme bereiten. Auch ist Livni anders als Olmert eher schüchtern im Wahlkampf. „Zipi hat nichts Clintonhaftes“, zitiert die New York Times Majalli Whbee, einen drusischen Knessetabgeordneten, der ihr Generaldirektor war, als Livni dem Wohnungsbauministerium vorstand.

Derselbe Artikel lässt ihren Bruder Eli zu Wort kommen: „In der Familie Livni haben uns Vater und Mutter niemals umarmt.“ Vielleicht liegt auch darin Livnis Hemmung, den Menschen warmherzig zu begegnen. Bewusst scheint sie die Hochzeitsfeiern und Bne Mitzwoth, die Einsegnungen der Kinder von Parteifreunden, zu meiden, die so wichtig sind, um innerparteilich voranzukommen. Olmert, der alle knufft und herzt, ist ein Gast auf jedem Fest.

Nützen wird ihm das wohl nicht mehr. Bald schlägt die Stunde der Zipi Livni. Trotz allem.