Neue CDs

Ron Sexsmith stellt Coldplay in den Schatten

Das Angebot ist enorm, jeden Freitag landen die neuen Pop-CDs in den Läden und auf den Download-Seiten. Morgenpost Online bespricht die wichtigsten neuen Platten der Woche. Heute: Der 44 Jahre alte Kanadier Ron Sexsmith begeistert mit seinen neuen Liedern. Außerdem muss man sich um die Rockband The Strokes sorgen.

Foto: V2

Dirty Pretty Things: Romance At Short Notice (Mercury)

Als ob der Engländer nicht schon genug zu leiden hätte unter kulturellen Kränkungen auf seinen angestammten Feldern, quälen ihn die Dirty Pretty Things mit einer Stadionhymne. Zwar heißt es in „Tired Of England“, man sei niemals müde, Engländer zu sein. Doch das Bekenntnis ist vergiftet. Es geht um Gestank und Regen, Sperrstunde und Bingo. Deshalb haben sich die Libertines auch vor drei Jahren von Pete Doherty getrennt und musizieren seither unter anderem Namen ausgeschlafen englisch vor sich hin.

*

Klaus Schulze, Lisa Gerrard: Farscape (Synthetic Symphony)

Da haben sich ja zwei gefunden in der Lüneburger Heide: Als Klaus Schulze sieben mal das Stück „Liquid Coincidence“ am Synthesizer eingeorgelt hatte, kam Lisa Gerrard hinzu und sang, was ihr zum Thema „Flüssiger Zufall“ in den Sinn kam. Hauptsächlich Choräle. Aber das passiert, wenn Krautrock in die Jahre kommt und auf die überspannte Popmystik der Achtzigerjahre trifft: im Grunde nichts. „Bei meiner Arbeit ist der aktive Hörer gefragt“, entschuldigt sich Klaus Schulze und erlaubt beim Hören alle häuslichen Verrichtungen.

*

Ron Sexsmith: Exit Strategy Of The Soul (Ronboy Rhymes)

Fände die Popkultur im Dunkeln und unter normalen Menschen statt, Ron Sexsmith wäre einer ihrer sogenannten Superstars. Das darf als Kompliment verstanden werden. Der Kandier ist inzwischen 44, und bemerkt auf seinem elften Album am Klavier: „Ich sende meine Botschaften durch die Musik im Radio, und auf diese Weise finde ich, soviel ich weiß, bei dir Gehör.“


Er ist kein auffälliger Typ. Dass Paul McCartney unermüdlich auf ihn hinweist, Elton John ihn preist für seine Lieder und Elvis Costello für ihn wirbt, hat daran nichts geändert. Schafft es jemand wie Chris Martin, dass Ron Sexsmith ihn an seiner Seite singen lässt, kräht alle Welt nach Coldplay. Coldplay hin, Coldplay her: Bei Licht betrachtet stellt Ron Sexsmith jeden Liedermacher in den Schatten.

*

Albert Hammond Jr.: Cómo Te Llama (Rough Trade)

Manche werden sich noch an die Band The Strokes erinnern. Ein Quartett verwöhnter Bengel aus New York, denen versehentlich die Rettung der Gitarrenrockmusik gelang. Der Sänger hat die Managerin geheiratet, seither herrscht Ruhe. Allein Albert Hammond Jr., Sohn des Hippiebarden Albert Hammond, musiziert vernehmlich weiter. Er füllt schon sein zweites Album mit Gitarrenrockmusik. Das zweite unterscheidet sich vom ersten durch den Auftritt einer offenkundig prächtig eingespielten Band. Was wird jetzt aus den Strokes?

*

Jazzkantine: Hell’s Kitchen (Sashimi)

Xavier Naidoo singt Metallica. Max Mutzke und Tom Gaebel singen AC/DC. Niemand soll behaupten dürfen, nichts gewusst zu haben beim Erwerb des neuen Jazzkantinenalbums. Hier hat sich die offene Band aus Braunschweig gründlich bei der Wahl des Repertoires vertan. Man kann „Smoke On The Water“, „Highway To Hell“ und „Walk This Way“ dekonstruieren. Vielleicht muss man das sogar. Aber den Heavy Metal einem Publikum zu überlassen, dem sich Virtuosität und Witz allein im Mucker-Swing-Funk zu erkennen geben, wirkt in jeder Hinsicht fragwürdig. Vor allem aber musikalisch. Michael Pilz

*

Wild Beasts: Limbo, Panto (Domino/Indigo)

Der Stilbruch, das Angehen gegen das Zeitgenössische ist ein wilder Ritt. Auf zehn, ach 20 Gitarrenbands in Großbritannien, die weiterhin versuchen die nächsten Libertines zu werden, kommt eine Band, die sich gar nicht erst in dieser Disziplin versucht. Wild Beasts sind dazuzuzählen. Das Quartett operiert von Mittelengland aus, vom malerischen Lake District genau genommen. Die Musik klingt dann auch naturverbunden, mit zarter Melodie, sparsamen Gitarren und leiser Rhythmik. Die Falsett-Stimme von Sänger Hayden Thorpe quält zuweilen beim Zuhören, doch in ihrer Andersartigkeit ist das Album eine tolle Überraschung.

*

David Bowie: Live Santa Monica ‚ ’72 (EMI)

1972 ist das Wendejahr für den britischen Künstler, der sich in den USA versucht: David Bowies Glamrock-Persona „Ziggy Stardust“ verwundert, verzaubert, verzückt das amerikanische Publikum. Die US-Tour in eben diesem Jahr ist sein Durchbruch. Am 20. Oktober 1972 macht er mit seinem Zirkus Halt im „Santa Monica Civic Auditorium“ von Los Angeles, wo er ein erinnerungswürdiges Konzert spielt, dessen Aufnahme bis dato nur als Raubkopie unter Fans kursierte. Jetzt, 36 Jahre später, ist der Auftritt erstmals auf CD erhältlich. Und was für einen Auftritt Bowie hinlegt! Routiniert und zugleich aufregend, lässig und aufblühend. Rückblickend ist dies nur ein kleiner Moment im großen Puzzle Bowie. Aber ebenso Zeugnis von Hingabe und beneidenswerter Kreativität.

*

Tricky: Knowle West Boy (Domino/Indigo)

Im vierzigsten Lebensjahr gönnt TripHopper Tricky sich ein Album der Erinnerungen. Die Gegend Knowle West ist in Trickys Heimat Bristol die Visitenkarte für Mittellosigkeit, sozialen Abstieg, aber auch Klassengeist der Armen. Knowle West ist der Ort, in dem Tricky aufwuchs, der ihn nachhaltig prägte und Pate für die neue CD stand: „Ich merkte erst, was Rassismus ist, als ich Knowle West verließ.“

Fünf Jahre sind ins Land gegangen seit Trickys letztem Album „Vulnerable“. Erfreulicherweise meldet er sich zurück mit einem eklektischen Mix, der Reggae, Hip-Hop, Two Tone und Blues abdeckt, abwechslungsreich produziert von Bernard Butler unter Mithilfe von Switch. Die Platte ist Beweis, daß jugendliches Vorpreschen erzählerisch oft nicht an das Auge des Reifen heranreicht. Daniel-Constantin Schmidt