Heavy Metal

Judas Priest & Venom auf dem Highway to Hell

Die einflussreichsten Bands des modernen Heavy Metal, sind wieder da: Venom und Judas Priest. Auf ihren neuen Alben singen und grunzen sie über Krieg, das Böse und die Hölle. Durch diese Gewitter geht man gerne - und die Rettung naht ausgerechnet durch einen Propheten des 16. Jahrhunderts.

Als Trostspender hat sich der Sänger Cronos nie verstanden. Cronos trägt den bürgerlichen Namen Conrad Lant, ist 45 Jahre alt und stammt aus Newcastle. Aber was heißt schon bürgerlich: Noch nach fast 30 Jahren im Musikgeschäft jagt er auch abgebrühteren Naturen einen Schrecken ein. Das neue Album seiner Band Venom beginnt damit, dass die Gitarre eindrucksvollen Kriegslärm fabriziert. Im anschließenden Donner grunzt der Frontberichterstatter: „You are going straight to hell.“ Der Adressat fährt nicht nur geradewegs zur Hölle, er sitzt mittendrin im Fegefeuer und empfängt in Sack und Asche seinen Schuldspruch.

„Straight To Hell“ hieß im vergangenen Jahr bereits ein Stück von Soulless, einer Art Venom-Gedächtnis-Band, die das Tableau zur Wiederkehr der Vorreiter bereitete. Man hörte „metal hammers crushing skulls in a symphony of death.“ Das ließe sich getrost ins Deutsche übersetzen. Allerdings nur mit erheblichen Verlusten und auf Kosten der poetischen Gewalt. Venom haben vor einem Dutzend Jahren „Eine kleine Nachtmusik“ veröffentlicht, ein Livealbum. Im Heavy Metal wurde immer gern mit deutschen Buchstaben, bevorzugt Umlauten, hantiert. Das neue, äußerst aktuelle Album trägt den Titel „Hell“. Kein Mensch käme jedoch auf den Gedanken, dass Venom plötzlich von leuchtender Zuversicht durchdrungen wären.

Black Metal - Metal Black

Es geht selbstverständlich um die Hölle. Um das Unausweichliche, den Abgrund. Aufrichtig beklagt der Sänger den grassierenden Optimierungswahn in Stücken wie „Evil Perfection“ und „Evilution Devilution“. Cronos schließt wieder mit Kriegswarnungen, diesmal recht konkret in „Bloody Sky“ und „USA For Satan“. Seine nachdenklichen Zuhörer entlässt er mit „Awakening“. Denn das Erwachen wird ein unabwendbar böses sein.

Venom eröffneten bereits die Achtzigerjahre mit „Welcome To Hell“, gefolgt vom 1982er Gesellenstück „Black Metal“. Damit war ein Genre in der Welt und die sich daran anschließende Lebensweise. Venom sahen wenig Sinn darin, von blühenden Landschaften zu singen und der Menschheit falsche Hoffnungen zu machen. 1983 kam „At War With Satan“ auf den Markt. Am 3. Februar 1984 feierten die Amerikaner von Metallica ihr erstes Gastspiel in Europa, im Zürcher Volkshaus, bei Venom im Vorprogramm. Zur gleichen Zeit erklärte Kerry King, der Gitarrist von Slayer, die enorme Vorbildwirkung von Venom. Dennoch entschloss sich Cronos, eine zehnjährige Pause einzulegen. Seine Band beschäftigte vorübergehend eine Aushilfskraft.


Black Metal wuchs sich unterdessen aus zu einer ernsteren Angelegenheit. Eine mitunter etwas mürrisch vorgebrachte Religionskritik wurde in ländlichen Regionen Skandinaviens zu humorlosem Radau. Seither wird Venom einiges angelastet. Brennende Dorfkirchen in Norwegen, okkulte Riten unter ungarischen Neoheiden, rechte Satanisten in den Wäldern Sachsens.


Schon beizeiten hat sich Cronos in der Fachpresse entschuldigt: „Ich verbreite weder Satanismus oder Okkultismus noch Hexerei. Rock ist Entertainment, sonst gar nichts.“ („Kerrang!“, 1985). Noch 2006 veröffentlichten Cronos und Venom das Album „Metal Black“, mit dem sie ihre eigene Erfindung, den Black Metal, auf den Kopf stellten wie Satanisten ihre Kruzifixe. Wer selbst darüber nicht lachen konnte, war auch von Venom nicht mehr zu retten.

Produktive Pessimisten

„Hell“ hingegen will und will nicht lustig klingen. Cronos wirkt stinksauer auf die Dinge, über die er singt. Es handelt sich, wenn man genau hinhört, auch weniger um das Böse in der Welt im Allgemeinen. Sondern um bestimmte Missstände und Mächte und um rigorose Abhilfe. In „Kill The Music“ etwa wird eine Musik bekämpft, die unbequeme Wahrheiten verschweigt. In „Straight To Hell“ der Venom-Jünger Soulless ging es schon um „outcast legions, kings of hell, now gathered to defy“. Wacht auf, Verdammte dieser Erde, sozusagen.

Für den einen oder anderen mag das schon die Kernbotschaft gewesen sein, als Judas Priest vor 30 Jahren den modernen Heavy Metal aus der Taufe hoben. Als Legionen unterdrückter Außenseiter wurden damals eher benachteiligte Schüler angesprochen. Heute klingt es eindeutig politisch. Zumal Heavy Metal heute niemandem mehr peinlich ist und die Kultur des Mittelstandes stärker prägt als ein verlogener Schlager-Optimismus. Virtuoser und beständiger ist Heavy Metal sowieso.

Auch Judas Priest sehen die Zukunft alles andere als rosig. Jeder Erzkonservative, also auch der Heavy Metal, zählt bereits die Gegenwart zur Zukunft. Judas Priest verlagern ihre Zivilisationskritik daher ins 16. Jahrhundert und vertonen die erschütternden Vorhersagen des Arztes Nostradamus. Um zu zeigen, dass auch ihnen die Geschichte einmal recht gegeben haben wird. Die Heavy-Metal-Sänger waren nicht die ersten produktiven Pessimisten der Kulturgeschichte.


„Nostradamus“, die gewaltige Rock-Oper von Judas Priest, hebt an mit triumphierenden Fanfaren. Dann beschwört Rob Halford: „Nostradamus – our salvation!“ Immer wieder: Nostradamus, unsere Rettung. Auch hier wollen Kriege und Epidemien abgewendet werden. Halford singt so herzergreifend wie getragen, er will jedes Wort verstanden wissen.

Heavy Metal als letzter Überlebender

Selbst bei Judas Priest wird man vom Ernst der Sache überwältigt. Es gibt diese Band seit 1969. Sie hat sich nach Dylans „Ballad Of Frankie Lee And Judas Priest“ benannt und sich vom Blues über abstrusen Fantasy-Rock zum Metal durchgerungen. 1977 kam „Sin After Sin“ heraus und 1980 „British Steel“. Auch Judas Priest durften sich regelmäßig missverstanden fühlen. 1985 schossen sich zwei junge Amerikaner gegenseitig ins Gesicht, nachdem sie „Better By You, Better Than Me“ als Anleitung zum Suizid gedeutet hatten. Halford wies den Vorwurf als absurd zurück: Ein Rockstar würde seine Plattenkäufer nie dazu ermuntern, sich zu dezimieren.

Auch Rob Halford zog sich einige Zeit zurück. Der Sänger einer Band, die Judas-Priest-Hymnen bei Hochzeiten zum Besten gab, nahm seinen Platz ein. Als Rob Halford wiederkehrte, vor vier Jahren, war er 53, hatte seine Homosexualität gestanden, und schien wild entschlossen, Judas Priest fortan als Camp-Performance anzubieten. Einschließlich des auf die Bühne rollenden Motorrads. Aber da hat er die Beharrungskräfte, die im Heavy Metal wirken, gründlich unterschätzt. Das Publikum besteht darauf, „Hell Bent For Leather“, „Breaking The Law“ und „Evil Fantasies“ nicht lächerlich zu finden, und Rob Halford ist es mehr als recht.

Als großer Defätist feierte Nostradamus sein Comeback bereits im Herbst 2001. Verschwörungstheoretiker hatten ihn nie vergessen. Hatte Nostradamus nicht den Terrorangriff auf New York vorhergesagt? Es ging in seinen Prophezeiungen um Zwillinge in York, den dritten großen Krieg, silberne Feuervögel und die Apokalypse. Am erstaunlichsten ist allerdings, dass zwischen Nostradamus und dem Heavy Metal gut 400 Jahre liegen, so verblüffend ähnlich sind sich beide: Die Weltuntergangsvisionen wirken albern, weil sie völlig ernsthaft vorgetragen werden. Und weil Menschen lieber schlechte Nachrichten empfangen. Und weil es, sogar bei Licht betrachtet, für die Menschheit gar nicht gut aussieht.

Die einzige Musik die alles überdauern könnte, ist der Heavy Metal.

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Venom: Hell (Sanctuary)

Judas Priest: Nostradamus (Columbia)