Wo Lücken klaffen, blüht die Fantasie. Und die größte Lücke im Berliner Stadtbild ist nun einmal jene ungeliebte, ungezähmte Brache auf dem Kulturforum, die direkt an die viel befahrene Potsdamer Straße anschließt. Seit Jahrzehnten besteht der Wunsch, die zugige Fläche zu gestalten, und genauso lange ist nichts passiert.
Das Freifeld zwischen zwei Architektur-Ikonen – Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie – und Stülers St. Matthäuskirche bildet eine Art städteplanerisches Bermudadreieck, das schon viele Ideen verschluckt hat. Den Flug der Fantasie bremst das freilich nicht. Die Ankündigung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, an der Sigismundstraße – hinter Mies’ Glaswandtempel – einen Neubau für die Galerie des 20. Jahrhunderts errichten zu wollen, hat jetzt der Diskussion um die Gestaltung des Kulturforums neue Dynamik verliehen.
Eine Reihe vergnüglicher Stadtsituationen
Ein passionierter Stadtdenker, der sich nun zu Wort meldet, ist Stephan Braunfels. Der Berliner Architekt stellte am Dienstag seinen „Masterplan Kulturforum“ vor, der die komplette Gestaltung des Areals, vom Landwehrkanal im Süden bis Tiergartenstraße im Norden vorsieht. Braunfels’ Vision folgt in vielen Punkten einer Studie, die er vor zehn Jahren für den damaligen Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann erstellte. Kurze Zeit später sei sein Plan „in den Schubladen der Ämter“ verschwunden, klagt Braunfels heute.
Tatsächlich gibt es nicht wenige Gründe, die den Betrachter für den Masterplan einnehmen können: Mit strategischem Einsatz einiger weniger, klassizistisch anmutender Elemente gelingt es Braunfels, eine Reihe vergnüglicher Stadtsituationen zu entwerfen: Der Verlauf der Potsdamer Straße wird beibehalten, allerdings mündet sie nun vor der Philharmonie in ein großes Rondell (mit Fontäne). Vier kleinere Torbauten definieren einen runden Platz, der Braunfels an Rom oder Madrid erinnert. Man fahre nicht mehr an der Philharmonie vorbei. Man „fahre vor“, so der Architekt.
Eine „Piazza“ bildet den Clou
Auf der anderen Seite des Kulturforums lockt ein in sich verdrehter Turm, von Braunfels „Campanile“ genannt, die Spaziergänger in Richtung Gemäldegalerie. Die verhasste Riesenrampe vor dem Museum ist im Masterplan bereits verschwunden, dafür fasst ein S-förmiger Kolonnadengang, die „Loggia“, das Gebäude neu ein.
Hier wird eine weitere „Piazza“ gebildet, an deren südöstlichen Ende der eigentliche Clou liegt – der Erweiterungsbau für die Galerie des 20. Jahrhunderts, die Braunfels im Zentrum des neuen Kulturforums verortet. Kennern der Materie dürfte der treppenförmige Gebäudeumriss bekannt vorgekommen: Er sei kürzlich zu der Überzeugung gelangt, dass Hans Scharoun in seinem Entwurf eines Künstler-Gästehauses aus den Sechzigerjahren die ideale Gebäudeform für den zentralen Platz des Kulturforums beschrieben habe, erklärt Braunfels. Scharouns Kreativenherberge soll jetzt nach dem Masterplan als Kunstmuseum realisiert werden.
500 Millionene Euro wären nötig
Genau hier liegt allerdings auch ein größeres Problem von Braunfels’ Vision: Die Treppenarchitektur des Erweiterungsbaus mit seinen niedrigen Geschossen ist wenig praktikabel für die Überformate der Modernen Kunst. Man müsse mit dem Museum in die Tiefe gehen, gibt Braunfels zu. Fragen nach den Mehrkosten weicht er aus. Dass sich, wie der Architekt behauptet, sein Museum für die geplanten 130 bis 180 Millionen Euro realisieren ließe, die für die „Kleine Lösung“ hinter der Neuen Nationalgalerie veranschlagt werden, darf ernsthaft bezweifelt werden.
So wie auch die 500 Millionen Euro, die Braunfels für die gesamte Umsetzung des Masterplans in den Raum wirft, utopisch erscheinen. Geradezu selbstverräterisch mutet es an, wenn der Architekt ein Bild des Kulturforums in der hochverschuldeten Stadt Valencia zeigt. 1,3 Milliarden Euro hat man dort verbaut.
Was in Spanien geht, sollte auch in Berlin möglich sein, sagt Braunfels. Doch dass Bund und Länder in Deutschland in naher Zukunft eine Milliarde und mehr in die Hand nehmen, um die Berliner Stadtentwicklung voranzutreiben, mag wohl der größte Optimist nicht glauben.
Politische Unterstützung hat Braunfels nach eigenem Bekunden noch nicht. Und so dürften die Behördenschubladen schon geöffnet sein, seinen Masterplan wieder für längere Zeit aufzunehmen. Die Staatlichen Museen zu Berlin, die ein Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts dringend brauchen, scheinen gut beraten, selber ihre „Kleine Lösung“ weiterzuverfolgen. Sie dürfte für die nächsten Jahre einfach die realistischste Variante sein.





