Vergangene Woche war ich im Urlaub an der Ostsee. Wie immer, wenn ich ein paar Tage nicht in Berlin bin, hatte ich das Gefühl, in ein fremdes Universum abgetaucht zu sein. Außerhalb der Stadt wundere ich mich jedes Mal, wie sauber die Gehwege sind. Wie viel Platz es auf Spielplätzen gibt, wie wenig Hundekot und wie viele freie Tische in Cafés. Ich wundere mich darüber, dass Straßen und Bahnen nicht überfüllt sind – und wie unglaublich frisch und blumig die Luft riecht. Ich fühle mich wie Bambi, das über die grüne Wiese hopst und fröhlich Schmetterlingen jagt. Und sich nicht mit Dingen wie Steuererklärung und Mülltrennung herumplagen muss.

In Berlin wird Bambi dann allerdings von einem Lastwagen überrollt, einbetoniert und bekommt ein ganz graues Fell vom langen Warten auf den Bus. Aktuell ist der Cut von grüner Wiese zu miefendem Moloch dann auch besonders krass – denn die Stadt ist so voll wie nie. Der Kirchentag geht am heutigen Mittwoch los. 140.000 beseelte Christen werden erwartet. Am Donnerstag: Obama vor dem Brandenburger Tor – Zehntausende beseelte Fans. Himmelfahrt. Vatertag. Zehntausende Betrunkene. Am Sonnabend, am Tag des Pokalfinales, kommen die Fußballfans dazu. Alles wird sich anfühlen wie ein großer, nie enden wollender Junggesellenabschied, der johlend durch Mitte zieht und bei dem sich der arme Bräutigam in spe als Sumpfkrebs oder Plüschhase verkleiden muss. An Bambi denkt dann gar keiner mehr.

Ich bin immer ganz zwiegespalten, wenn Berlin mal wieder überschwemmt von Touristen ist. Eigentlich sollte man sich freuen, dass die vielen Menschen ihr Geld hierher bringen. Und außerdem: Wo wir sind, wollen alle hin – wir haben also einiges richtig gemacht. Auf der anderen Seite treiben Touristen einen in den Wahnsinn. Beseelte und betrunkene Touristen umso mehr. In der Zeitung stand, dass die meisten Hamburger während des G20-Gipfels im Juli ihre Stadt verlassen wollen. Zu viel Remmidemmi, zu viele Staus. Süß, diese Hamburger. Der Berliner müsste dann ja an die 20 Mal im Jahr die Stadt verlassen, wenn ihn der viele Trubel stört. 1. Mai, Karneval der Kulturen, Fashion Week, Sale bei Primark – man bräuchte einen Zweitwohnsitz in Brandenburg.

Touristen, haltet niemals einen gestressten Berliner auf!

Aber was machen wir jetzt? Ich schlage einen Berlin-Knigge für Touris vor, damit sie uns nicht ganz so sehr auf die Nerven gehen. Wichtigste Regel: Nicht langsam latschen oder im Weg rumstehen. Wir wollen schnell nach Hause oder zur Arbeit, wir wollen die nächste Bahn bekommen und nicht vier Minuten warten müssen. Und dann: Niemals, wirklich unter gar keinen Umständen einen gestressten Berliner aufhalten und nach dem Weg fragen. Das passiert mir immer wieder. Ich war mal mit dem schreienden Baby unterwegs und hatte Durst wie nach einem Sechs-Stunden-Marsch durch die Sahara und wollte nur: nach Hause, nach Hause, nach Hause. Dann stoppte mich eine Frau, um mal nach einer „richtig gemütlichen Bäckerei“ zu fragen, die ihre Brötchen noch selbst backt. Ja. Kannte ich. In der Das-ist-das-absolut-falsche-Timing-Straße nämlich, da könnte es sowas geben.

Nina Paulsen
Nina Paulsen© Reto Klar | Reto Klar

Aber egal. Was ist noch wichtig? Auf der Rolltreppe nicht links stehen. In der Bahn bitte sofort in den Gang durchgehen. Bei der Schifffahrt über die Spree nicht ständig in der Gegend herumwinken und hoffen, dass einer zurückwinkt. Bei der Berlin-on-Bike-Tour um Gottes willen nicht ganze Kreuzungen blockieren. Die Selfie-Stange zu Hause lassen. Und nicht auf die Idee kommen, den morgendlichen und abendlichen brechend vollen Berufsverkehr zu nutzen, um von A nach B zu kommen. So.

Vielleicht klappt es ja mit der friedlichen Koexistenz. Wäre doch schön. Danach gehen alle wieder dahin, wo es sauber und friedlich ist und wo Bambi Schmetterlinge jagt. Und wir stürzen uns wieder in den harten Berliner Alltag. Apropos: Haben Sie eigentlich schon Ihre Steuererklärung gemacht?

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