Mein Berlin

Wenn Kleinkriminelle sogar Küchentücher stehlen

Diebe klauen mitunter absurde Dinge - selbst Putzutensilien. Was ist nur mit der Berliner Unterwelt los? Eine Kolumne von Nina Paulsen.

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"Im Buggy liegt noch eine Packung Küchenpapier", keuchte ich am Telefon zum Mann. "Bring die gleich mal mit hoch, wenn du von der Arbeit kommst." Ich war gerade etwas aus der Puste, denn ich hatte das acht Kilo schwere Kind sowie zwei volle Einkaufstüten in unsere Wohnung in die dritte Etage geschleppt.

Wer Nachwuchs hat, der kennt das: Man rennt den ganzen Tag wie ein voll beladenes Muli durch Berlin, immerhin könnte das Baby Essen, Trinken, den überdimensionierten Rasselfrosch, trockene Windeln oder neue Kleidung verlangen, all das kommt vor. Die Küchenrollen, so dachte ich jedenfalls angesichts des Gepäcks und meiner Einkäufe, die können auch noch eine halbe Stunde unten im Treppenhaus warten. Die Küchenrollen halten das aus. Immerhin sind sie ja zu viert.

"Da sind keine Küchentücher", sagte der Mann aber, als er nach Hause kam. Und er hatte recht. Was war passiert? Haben die Küchentücher sich auf Wanderschaft begeben? Waren sie sauer, weil ich sie allein gelassen habe? Oder, und das ist das wahrscheinlichste Szenario: Hat uns etwa jemand beklaut? Ja, so war es wohl. Die Welt ist schlecht. Shame on you, böser Küchenrollen-Dieb.

Nur Kaugummis statt Geld stehlen?

In Wahrheit kann ich den nicht allzu großen Verlust natürlich verschmerzen. Und dennoch frage ich mich, was einen Menschen reitet, Artikel des täglichen Bedarfs im Wert von 1,35 Euro aus anderer Leute Kinderwagen zu zocken. Freut der Täter sich jetzt beim nächsten Fensterputzen, dass er ein paar Cent gespart hat? Was ist nur los mit den Berliner Kriminellen?

Man stelle sich mal einen Taschendieb am Alex vor, der den Menschen in den Mantel fasst, Portemonnaie und Smartphone an Ort und Stelle lässt und nur die angebrochene Kaugummipackung nimmt. Oder einen spektakulären Einbruch in einen Edeljuwelier am Tauentzien: Alle Vitrinen noch ganz, aber die Espressotassen aus dem Pausenraum fehlen. Oder Cyberkriminelle: Hacken sich in einen Computer, um dann nur die Fotos aus dem Ordner "Kroatien 2006" zu löschen.

Psychologisch gesehen sind mir Diebe ein absolutes Rätsel. Ich hätte dafür die Nerven nicht, nicht mal einen Hustenbonbon könnte ich stehlen. Ich würde dann schwitzend (und vor allem nervös hustend) durch die Gegend laufen und mich ertappt fühlen, sobald mich ein beliebiger Passant eine Zehntelsekunde zu lang anguckt. Ich bin in der U-Bahn einmal aus Versehen schwarzgefahren. Als ich es bemerkte, war die Zeit bis zur nächsten Station die Hölle für mich.

Spice Girls in Endlosschleife zur Strafe

"Mundraub" hieß es übrigens früher, wenn jemand zum Beispiel unerlaubterweise die Äpfel aus Nachbars Garten gestohlen hat. 500 D-Mark oder sechs Wochen Gefängnis waren dafür schlimmstenfalls drin. Einkäufe aus Hausfluren mitgehen zu lassen ist dann wohl die moderne Berliner Variante davon. Heutzutage blüht dem Mundräuber als drakonischste aller Strafen aber, sechs Wochen lang ununterbrochen mit dem M29er-Bus durch die Stadt zu fahren und dabei die Spice Girls in Endlosschleife zu hören.

Unseren Nachbarn wurde übrigens auch etwas aus dem Hausflur geklaut: Matschige Joggingschuhe, die zum Ausmüffeln vor die Tür gestellt wurden. Vielleicht schließt sich an dieser Stelle der Kreis und der Dieb brauchte unsere Küchentücher, um nicht nur seine Wohnung blitzeblank, sondern auch seine Schuhe sauber zu putzen. Wer weiß.

Wir halten jetzt also Ausschau nach einem sehr durchtrainierten und reinlichen Turnschuhträger, der die saubersten und streifenfreiesten Fenster in ganz Prenzlauer Berg, ach, was sage ich, in ganz Berlin hat. Wer sich nicht verdächtig machen will, bleibt jetzt am besten auf dem Sofa sitzen, putzt nicht und lässt auch das mit dem Sport schön bleiben. Schade, nicht wahr?

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