Mein Berlin

Wenn Hipstereltern ihren Kindern absurde Namen geben

Alf, Paulchen und Fips - so kann man Kinder nicht nennen, findet Kolumnistin Nina Paulsen. Zum Glück gibt es Abhilfe. Aus Bayern.

Foto: Andreas Gebert / dpa

Am Wochenanfang habe ich einen wirklich traurigen Artikel gelesen: Der Name Josef stirbt aus. Vor allem im katholischen Bayern sind sie sehr besorgt darüber. In den Vornamenrankings dümpelt Josef gerade mal auf dem 165. Platz. Abgeschlagen. Unbeliebt. Zum Glück wurden schon diverse Gegenmaßnahmen auf den Weg gebracht. Eltern, die ihr Kind Josef nennen, bekommen in manchen bayerischen Gemeinden für ihren Jungen eine Art Begrüßungsgeld von 100 Euro. Eine Josefspartei möchte außerdem den katholischen Josefstag am 19. März zum bundesweiten gesetzlichen Feiertag erheben. Kein Witz.

Ich dachte bei der Lektüre wirklich zuerst an Satire, aber nein: Beim Josef verstehen die Bayern keinen Spaß. Im Internet sind Berichte über zurückliegende Parteitage der Josefspartei zu finden, die sich offiziell "Königlich-Bayerische Josefspartei" nennt. Da sitzen ältere Herren in Lederhosen an Biertischen und gucken einigermaßen griesgrämig vor sich hin.

Ich muss schon sagen: Wenn man nicht aus Bayern kommt und irgendwie keinen Bezug zu den ganzen Brauchtümern dort hat, kommen einem diese Leute aus Berliner Sicht irgendwie unheimlich vor. Das ist wie das Oktoberfest in München oder der Karneval in Köln. Das sieht man dann hier aus Versehen mal im Fernsehen und denkt die ganze Zeit: Wie gruselig. Und vor allem: Hä?

Sabines und Thomasse aller Bezirke: Vereinigt euch!

Man stelle sich das mal in Berlin vor. Heute nennt zum Beispiel keiner mehr seine Töchter Sabine, Erna oder Hildegard. Werner, Manfred und Norbert haben es ebenfalls schwer. Sabine zum Beispiel war der beliebteste Vorname im Jahr 1960. Wenn sich jetzt alle Berliner Sabines zusammentäten, um einen Feiertag und Begrüßungsgeld zu fordern, könnte das eine ziemlich schlagkräftige Truppe werden.

Wenn sich dann noch alle Thomasse anschließen – so heißen die meisten 1960 geborenen Männer – würde wahrscheinlich schon die eine oder andere politische Partei übertrumpft. Sabines und Thomasse aller Bezirke: Vereinigt euch!

Wobei: Berlin hat namenstechnisch echt ganz andere Probleme. Und ich spreche jetzt nicht von den Kevins, Jeremy-Pascals und Seraphina-Cheyennes, die hier so rumlaufen. Das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten veröffentlicht im Internet Listen, auf der die Namen aller zum Beispiel 2016 geborenen Babys verzeichnet sind.

Ich selbst wohne in Pankow, absoluter Spießerbezirk. Und dennoch sind die Eltern hier bei der Namenswahl offenbar total über die Stränge geschlagen. Hier kamen im vergangen Jahr tatsächlich Beyonce, Campino und Hurricane auf die Welt – und sogar ein kleiner Heino. Popkulturell gesehen bin ich über diese Mischung wirklich entsetzt. Und dann auch noch das: Derrick, Katniss und Knight. Sorry, aber waren die guten Filme und Serien in den Monaten vor der Niederkunft alle vergriffen? Ebenso in Reinickendorf. Hier wurde ein kleiner Junge Rocky genannt.

Alte komische Namen stehen vor einem Comeback

In Mitte hat zumindest ein Elternpaar in Sachen TV-Trash etwas mehr Geschmack bewiesen: Es nannte seinen Sohn Alf. Daran können sich heute zum Glück nur noch Kinder der 80er-Jahre erinnern. Wenn Klein-Alf also irgendwann 2022 eingeschult wird, wird wahrscheinlich höchstens der Lehrer über ihn lachen. Alf sitzt dann übrigens in einem Klassenraum mit seinen Kumpels Fips, Wolfram und Ingeburg.

Ja, in Hipsterhausen stehen alte komische Namen offenbar vor einem Comeback. Aber keine Angst, es gibt auch neue komische Namen: Trinity, Wisdom, Hopfen und: Paulchen. Ja, Paulchen. Ein verniedlichter Paul. Paulchen, das wissen die lustigen Mitte-Eltern vielleicht nicht, wird irgendwann aus dem süßen Säuglingsalter herauswachsen. Und ein Teenager werden, der sich auf dem Schulhof behaupten muss. Und später vielleicht Herzchirurg. Prof. Dr. Dr. med. Paulchen irgendwas. Würde man dem sein Leben anvertrauen? Vielleicht. Aber nicht ohne dabei zu grinsen.

Irgendwie tut es mir jetzt sehr leid, dass ich anfangs über die Bayern gelästert habe. So langsam kann ich echt verstehen, dass sie um ihren Josef kämpfen. Lasst uns alle Josef retten. Und Sabine auch. Wer sammelt mit fürs Begrüßungsgeld?

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