Politik

Menschen, die dir im Frühling begegnen

Kaum wird es etwas wärmer, kommen in Berlin die ganzen komischen Vögel wieder aus ihren Löchern

Utz utz utz. Man hört es schon von Weitem, pumpende Bässe, Technogedöns. Es wird lauter. Utz utz utz. Da kommt er um die Ecke gebogen: ein silberner BMW irgendwas. Fensterscheiben runtergekurbelt, heraushängende Ellenbogen, die Anlage voll aufgedreht und deshalb immer wieder: Utz utz utz. Der Fahrer findet sich selbst schon ziemlich geil, wie er da mit Tempo 25 an den voll besetzten Straßencafés in Prenzlauer Berg vorbeirollt, an einem Sonnabendmittag, an dem alles voller Kinder, Familien und Senioren ist. Man kann es unter den Klamotten nicht sehen, aber ziemlich sicher dürfte er ein Tattoo auf Arm und Schulter haben, so will es das Klischee. Hach. Einfach herrlich, dieser Frühling in Berlin.

So ist das ja immer. Kaum wird es wieder ein paar Grad wärmer, spielt Berlin verrückt. Wer ein Cabrio hat, zeigt es auch – und wer keines hat, der tut einfach so. Auch alle anderen sind irgendwie von der Rolle. Das vergangene Wochenende war wettertechnisch ja wirklich herrlich, Hoch "Hertha" sei Dank. Und auch, wenn es dieser Tage wieder trüber geworden ist, kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen: Der Winter ist vorbei. Und damit die Zeit, in der sich die ganzen komischen Typen noch in ihrer Wohnung versteckt haben. Jetzt kommen sie alle wieder heraus.

Zum Beispiel der Mann, der uns kürzlich beim Einkaufen entgegenkam. Er trug außer einer Bierkiste nur eine klitzekleine enge Radlerhose und ein ärmelloses Shirt. Gut, er konnte es sich erlauben, immerhin sah er aus, als habe er an Heiligabend das bisschen Weihnachtsgans direkt nach dem Geschenkeauspacken auf seinem neuen Laufband wieder abtrainiert. Wahrscheinlich hat er sogar wochenlang auf die ersten richtigen Sonnenstrahlen des Jahres gewartet, um jetzt der Stadt seine Muskeln präsentieren zu können. Ein bisschen kann ich das sogar verstehen – nicht aber die Mädels, die jetzt schon barfuß in ihren High-Heel-Sandaletten durch die Gegend laufen. Entschuldigung, aber da frieren einem doch die Füße ab.

Seltsam sind auch die Leute, die sich gegenteilig verhalten und aussehen, als gingen sie auf eine Polarexpedition: Daunenjacke, Mütze, Winterboots. Fehlen nur noch die Schnee-Spikes, die Spitzhacke und ein Bärenfell auf der Schulter. Irgendwie haben diese Frostbeulen nicht gemerkt, dass die Temperaturen längst aus dem Minusbereich herausgeklettert sind und sogar die ersten Eisdielen wieder geöffnet haben. Schwitzen die gar nicht unter ihrer Bergsteiger-Montur? Vielleicht sind diese Menschen auch der Grund, warum diese ganzen 72- und 96-Stunden-Deos erfunden wurden. Einen anderen Grund mag ich mir jedenfalls nicht ausmalen. Wobei natürlich jeder, der häufiger S-Bahn fährt, weiß, dass hier einige Menschen offenbar an ausgeprägter Wasserphobie leiden müssen. Aber das ist zum Glück ein Sommerproblem, deshalb schnell zurück zum Frühling. Wer jetzt auch häufiger anzutreffen ist: der Straßencafé-Dauerbesetzer. Stundenlang hockt er selbst an Wochentagen bei lauwarmem Latte macchiato auf einem wackeligen Holzstuhl und schlägt sich eine farbenfrohe Fleecedecke über die Beine. Frauen tun das, weil sie so gern "Leute beobachten". Männer lesen auf ihren Handys oder haben sich vorher posermäßig noch schnell beim Späti eine "Le Monde" gekauft, selbstverständlich die französische und nicht etwa die deutsche Ausgabe. Aber natürlich geht das auch umgekehrt. Schleierhaft ist mir immer, was Straßencafé-Dauerbesetzer eigentlich beruflich machen. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie ignorieren die vorbeischleichenden Utz-utz-utz-Autos so demonstrativ wie möglich.

Wie gut, dass der Frühling gerade erst anfängt und das Theater noch ein bisschen anhält. Und wie gut, dass die Hochs dieses Jahr Frauennamen tragen! Nach "Hertha" kommen "Ingrid", "Johanna" und "Kathrin" zu uns. Genießen wir es. Wie es der Zufall will, steht Tief "Utz" 2017 nämlich auch noch vor der Tür.

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