Irgendwann im Leben, so zwischen 25 und 35 Jahren, fragt man sich ja eines Tages, wann es denn nun eigentlich losgeht mit dem Erwachsenwerden. Bei der ersten Steuererklärung? Wenn man lieber auf dem Sofa liegt, statt irgendwo die Nacht durchzumachen? Wenn dich der Verkäufer aus dem Biomarkt plötzlich besser kennt als der aus dem Späti?

Kürzlich habe ich mich mal wieder auf den Flohmarkt im Mauerpark verirrt. Seither glaube ich, dass das mit dem Erwachsenwerden sowieso durch ist. An jedem zweiten Stand werden dort Jutebeutel und vor allem Juteturnbeutel verkauft, bei denen sich der Ernst des Lebens mit seinen Tugenden und Pflichten heulend in die Ecke stellen kann. Schon fast ein Klassiker ist ja der aufgedruckte Spruch „Der frühe Vogel kann mich mal“, mitsamt seiner Weiterentwicklung zu „Der späte Wurm entgeht dem Vogel“.

Gut gefallen hat mir der Beutel mit der Aufschrift „Na muss ja irgendwie“, dicht gefolgt von „Ist mir doch egal, ich lass das jetzt so“ und „Eigentlich wollte ich die Welt retten, aber es regnet“. Soviel zum Thema Leistungsgesellschaft. „Der Drops ist gelutscht“ fällt in eine ähnliche Kategorie, dem Träger von „Not my Problem“ ist sowieso alles wumpe. Weiterhin auf dem Markt und in ganz Berlin anzutreffen: Beutel mit „Jung und schlecht gelaunt“, der knappen Ansage „Lass mich“ und „I Love nothing“ im Stil des berühmten und oft kopierten „I Love NY“-Schriftzugs mit dem roten Herzen in der Mitte.

„Berlin kann jeder. Duisburg muss man wollen“

Ich kann mich gar nicht erinnern, wann genau der Jutebeutel vom Hipster-Accessoire zum Vehikel von Lebensphilosophien geworden ist ob er jemals die umweltbewusste Variante der Einkaufstüte war, als die er erfunden wurde, ist nicht überliefert). Wobei man das Wort Lebensphilosophie nicht zu hoch hängen sollte. Wahrscheinlich haben 95 Prozent der Beutel-Träger nach ihrem Turbo-Abi direkt das Bachelor-Studium absolviert und ein Start-up in Neukölln gegründet.

Die Berliner Jutebeutelaffinität ist aber mittlerweile über die Stadtgrenzen hinaus ein Thema. Ein Freund brachte aus seiner Heimatstadt Duisburg jüngst ein Mitbringsel aus einem Souvenirladen mit: Einen Jutebeutel mit: „Berlin kann jeder. Duisburg muss man wollen“. Mit dem Erwachsenwerden ist es wahrscheinlich ähnlich. Haben Sie in diesem Jahr eigentlich schon Ihre Steuererklärung gemacht?