Ich habe neue Nachbarn. Sie sind vor einigen Wochen schräg über mir eingezogen, drei Typen Anfang 20, eine WG, Studenten vielleicht. Jetzt stand einer von ihnen bei mir vor der Tür, um sich einfach mal vorzustellen.
Ich fand das ziemlich nett. Sowas macht heute ja keiner mehr, schon gar nicht in der Zuwanderer-Siedlung Prenzlauer Berg. Auch bei uns im Haus herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, vor dem Neubau gegenüber steht schon wieder ein Möbelwagen. Wenn sich da jeder bei jedem vorstellte, man würde vor lauter Händeschütteln seine Rhabarber-Schorle nicht mehr trinken können.
Mein neuer Nachbar jedenfalls lächelte – und lud mich zu einem Kennlern-Event in die neu bezogene Wohnung ein: „Wir haben einen Sommelier bestellt und veranstalten eine Weinprobe!“ Die anderen Bewohner im Haus hätten auch schon zugesagt.
Der Turnbeutel hat den Jutebeutel abgelöst
Ach, wie sich die Dinge ändern. Obwohl ich erst sechs Jahre in Berlin lebe, fühle ich mich manchmal wie ein Veteran. In Friedrichshain habe ich anfangs gewohnt (ich erfülle zielsicher jedes Zugezogenen-Klischee), und als ich kürzlich wieder durch meinen alten Kiez lief, war es wie nach einem 100-jährigen Dornröschenschlaf: In dem ehemals verfallenen Haus an der Warschauer Straße ist jetzt ein veganer Supermarkt, die Pizza Funghi in meinem früheren Lieblingsbistro kostet 1,50 Euro mehr, der Turnbeutel hat den Jutebeutel abgelöst.
Die Einladung zur Weinprobe fand ich trotzdem merkwürdig. Früher wurde bei WG-Einweihungen ja maximal ein bisschen Bier kalt gestellt. Ich musste meinem Nachbarn leider sagen, am Abend schon verabredet zu sein, kündigte aber an, später gern auf einen Abstecher vorbeizukommen. „Kannst du machen, wahrscheinlich sind wir dann aber alle schon völlig besoffen“, sagte er.
Zwar war mein innerer Friede in diesem Moment wieder hergestellt, dennoch habe ich jetzt das Gefühl, unter Zugzwang zu stehen. Ich bin vier Mal umgezogen in Berlin und nie habe ich Nachbarn bespaßt oder betrunken gemacht. Das ändere ich jetzt. Ich habe mich immerhin entschlossen, dauerhaft in der Stadt zu bleiben und nicht mehr nur auf der Durchreise zu sein. Okay, dann veranstalte ich nächste Woche ein Paleo-Buffet mit Craft-Beer-Verkostung. Kommen Sie doch auch vorbei!


