Zwischenmenschlich

Wenn man plötzlich als Tourist durch Berlin läuft

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Jule Bleyer

Wer Besuch aus der Provinz erhält und seine Gäste durch die Hauptstadt führt, sieht Berlin mit ganz anderen Augen. Selbst Baustellen und überfüllte Restaurants kommen einem dann bedeutungsvoll vor.

Es heißt ja, man solle seine Stadt ab und an mit den Augen eines Touristen betrachten. Dann würden einem auch wieder Dinge auffallen, an denen man im Alltag achtlos vorbeihetzt. Mir geht das selbstverständlich auch so. Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, achte ich nicht auf die schöne Kulisse, sondern darauf, nicht umgefahren zu werden. Und in Bus oder Bahn ist meine größte Sehenswürdigkeit das E-Mail-Fach meines Handys.

Wenn man aber selbst kein Tourist sein kann, sollte man zumindest mit einem unterwegs sein. Wenn Sie also mal wieder richtig genervt vom überfüllten, schlecht gelüfteten und überdrehten Berlin sind (so etwa alle sechs Monate), laden Sie sich Besuch von weit her ein und führen ihn herum. Und Sie werden sehen: Mit der ersten Bewunderungsbekundung Ihres Gegenüber sind Sie wieder total stolz auf Ihre Stadt! („Ach guck mal, da vorne ist wieder was abgesperrt, in Berlin ist einfach immer was los!“ – „Dieses Café ist einfach das beste, da wartet man gern mal eine Dreiviertelstunde auf einen Tisch.“ – „Und das hier ist eine der letzten noch unbebauten Brachen in diesem Kiez, ist sie nicht wunderschön?“)

Ein weiterer Vorteil des Besuches: Man ist gnädiger mit den anderen 500.000 Touristen, die täglich durch Berlin laufen. Mehr noch, man setzt sich sogar zu ihnen ins „Reinhard’s“ an den Kudamm, bestellt einen (dort immer noch vollkommen angesagten) Aperol Spritz, setzt seine überdimensionierte Sonnenbrille auf und beobachtet begeistert die vorbeistöckelnden pelzbehängten Frauen und ihre lederhautgegerbten, Rolf-Eden-Verschnitt-artigen Begleiter. Und anstatt schreiend die Flucht zu ergreifen, spielt man mit dem Gedanken, doch wirklich mal im KaDeWe Austern zu essen und einen Termin bei Udo Walz zu buchen.

Ja, mit Besuch macht man plötzlich die seltsamsten Dinge. Zum Beispiel auch eine Nachtwächtertour „Auf den Spuren von Gespenstern und Sagen“ im Nikolaiviertel.

Zumindest weiß ich jetzt, wo ich die älteste Kneipe Berlins finde und warum die Weiße Frau der Hohenzollern am Stadtschloss herumspukt. Schade, dass sie sich in der Nacht nicht hat blicken lassen. Ich hätte sie gerne mal zu einem Drink mit auf den Kudamm genommen.