Die Freundin einer Freundin von mir hat vor Kurzem einen Mann kennengelernt, den Freund eines Freundes. Was sie, neben vermutlich vielen anderen Dingen, nicht wusste: Dieser Freund eines Freundes wohnt in dem Haus hinter dem Haus meiner Freundin. Das heißt: Unsere gemeinsame Freundin kann von ihrem Schlafzimmer aus in das Wohnzimmer der neuen Bekanntschaft ihrer Freundin gucken. Und von ihrer Küche aus in dessen Schlafzimmer.

So konnte sie nun vor ein paar Tagen beobachten, wie besagte Freundin plötzlich auf der anderen Seite des Friedrichshainer Hinterhofes auftauchte, Tasche und Jacke ablegte und sich leicht verkrampft auf dem Sofa niederließ (es war schließlich erst das zweite Date). Als meine Freundin später noch einmal hinüber blickte, sah sie allerdings nur noch Tasche und Jacke – und dass die Vorhänge zum Schlafzimmer geschlossen waren.

Als sie mir das etwas aufgeregt per WhatsApp schrieb („Es ist doch erst das zweite Date!“), blickte ich gerade aus dem Fenster in meinen Charlottenburger Hinterhof und gegenüber in der beleuchteten Wohnung auf einen wohlgenährten Mann in weißer Unterhose. Was hätte ich in diesem Moment für geschlossene Gardinen gegeben.

Der neue Lover der Freundin meiner Freundin weiß übrigens noch nicht, wer da im Haus vor ihm wohnt, was in der sich gerade anbahnenden Beziehung aus ihrer Sicht natürlich einen enormen Standortvorteil darstellt. Sollte der Mann beispielsweise nicht ans Telefon gehen, kann unsere Freundin checken, ob er wirklich nicht zu Hause ist. Sie bekommt mit, wann er Freitagnacht zurück ist, und ob sich der Schlafzimmervorhang nicht vor einer anderen Hautdarstellerin senkt.

Bisher ist der Typ jedoch meistens gar nicht zu Hause. Und wenn, dann verhält er sich: normal. Er kann anscheinend kochen, popelt nicht ständig in der Nase und trägt keine weißen Unterhosen. Sondern dunkle Boxershorts. Was meine Freundin und ich allerdings von ihrer Freundin wissen. Wie ein paar weitere Details, die man aufgrund der Vorhänge nicht mitbekommen konnte. Wir erfuhren sie bei einer Flasche Wein am Küchentisch meiner Freundin, und was soll ich sagen: Es war deutlich spannender als aus dem Fenster zu gucken.