Böse Zungen behaupten ja, der Berliner schere sich nur um sich. Vor allem die Kommentatoren aus dem heiligen Hamburg haben jetzt Oberwasser, nachdem eine Bertelsmann-Studie ihnen bescheinigt hat, was sie längst zu glauben wussten: In der Hansestadt haben sich alle gegenseitig am meisten lieb. In Berlin ist das Gemeinschaftsgefühl dagegen mittelmäßig ausgeprägt, und dass es nicht so schlecht ist wie in anderen östlichen Bundesländern, liegt nur an den zugewanderten Hamburgern.
Wer bei dreieinhalb Millionen anderen nicht in erster Linie an sich denkt, so könnte man meinen, steht in jeder Schlange schließlich auch ganz hinten. Vergangenen Sonntag im Deli am Alexanderplatz zum Beispiel fragte ein Mann den Mann vor sich, ob er vielleicht vor könne, weil seine U-Bahn gleich käme und dann ja erst wieder in zehn Minuten. Sie hätten den Blick des Angesprochenen sehen sollen: Als hätte sein Hintermann ihn gebeten, sich auszuziehen und nackt auf den Fernsehturm zu klettern.
Statistisch gesehen ist so etwas aber keinesfalls die Regel. Nehmen wir allein heute: Auf dem Gehweg in Prenzlauer Berg hatte jemand mit Farbe Kreise um Hundehaufen gemalt, damit keiner reintritt. In der U-Bahn hat mich eine Frau davon abgehalten, mich auf einen verklebten Sitz zu setzen, und dann einen Zettel als Warnung für alle anderen darauf gelegt. Und in der S-Bahn wurde ein Mann ohne Fahrkarte spontan aus der Kontrolle gerettet und von einem anderen mit auf dessen Ticket genommen.
Liebe Statistiker, ich möchte es mal so formulieren: Der Berliner steckt vielleicht tiefer im Schlamassel als der Hamburger – aber es sind immer genug Leute da, um ihn mit vereinten Kräften wieder rauszuziehen.





