Da ist sie wieder und guckt. Graue Locken, breites Gesicht, dicke beigefarbene Strickjacke mit Zopfmuster, es ist ja schließlich kalt im Winter am offenen Fenster. Kein Kissen unter den Armen, so viel Klischee nicht, aber sie muss dort ziemlich lange aushalten, so oft, wie sie da ist. Ihr Fenster ist nicht weit oben, nur im Hochparterre, man könnte ihr von der Straße aus die Hand geben. Was man natürlich nicht tut, man kennt sich ja nicht.
Obwohl es sich so anfühlt, laufe ich doch jeden Tag auf dem Weg zur Schönhauser Allee an ihr vorbei. Für sie als eine von vielen, für mich ist sie die eine, die Frau vom Fenster.
Da steht er wieder und guckt. Unten in der Halle, beim Pizza-Hut-Stand, wo die Bahnreisenden an ihm vorbeirauschen, ohne ihn zu beachten. Aber er beobachtet sie, die Mutter mit dem Kinderwagen, den jungen Mann mit Businesstasche überm Arm. Mich, auf dem Weg zur Arbeit.
Wird der Bärtige auch an Weihnachten am Bahnhof Zoo sein?
Er sieht ein bisschen verwildert aus, mit seinem langen, zotteligen Bart, die Schnauzpartie reicht bis zur Unterlippe. Doch neulich habe ich ihn beobachtet, da hat er sich vor die spiegelnde Scheibe eines Schaukastens gestellt und diesen Bart gekämmt, langsam und säuberlich. Dann hat er sich wieder umgedreht und die Menschen angeguckt.
Da steigt er wieder ein und rückt seine Gitarre zurecht. Die U-Bahn-Fahrgäste gucken genervt, ein Berlin-Reflex, der in diesem Fall aber nur fünf Sekunden lang anhält, dann entspannen sich ihre Gesichtszüge. Denn er spielt gut. Spanische Songs. Er könnte auch abends in einer Bar spielen oder auf einem Familienfest.
Er sieht nicht aus, als gehörte er hier her. Doch er spielt in der U-Bahn, jeden Tag aufs Neue. Auch morgen, an Weihnachten? Oder wird er da für seine Familie spielen, seine Freunde? Werden es traurige oder fröhliche Lieder sein? Und der Bärtige vom Bahnhof Zoo, wird er wieder die Menschen beobachten, wie sie an ihm vorbei zu Kartoffelsalat und Gans rauschen, auch an Heiligabend? Und wird er vielleicht lächeln hinter seinem Rauschebart? Die Frau vom Fenster wird wieder da sein und gucken, ganz sicher. Und vielleicht wird sie sich plötzlich umdrehen, zu Menschen in ihrem Wohnzimmer, und das Fenster schließen. Dann wäre wirklich Weihnachten.


![Ein kleines Kind betrachtet auf einem iPad mit seiner Mutter ein Bild, dass es mit seinen Fingern auf dem Display vergrößern kann. Foto: Waltraud Grubitzsch [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ] Ein kleines Kind betrachtet auf einem iPad mit seiner Mutter ein Bild, dass es mit seinen Fingern auf dem Display vergrößern kann. Foto: Waltraud Grubitzsch [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]](https://img.sparknews.funkemedien.de/122763761/122763761_1423605661_v16_9_1200.jpeg)


