Thadeusz

Wie Kanzlerin Merkel jedes Klischee zerbröselt

Das Aufdecken von „Sexismus“ ist das „Whalewatching“ des politisch verkrampften Menschen, meint Jörg Thadeusz.

Kanzlerin Merkel  (r.) beim W20-Frauengipfel in Berlin mit Ivanka Trump (l.) und IWF-Chefin Christine Lagarde

Kanzlerin Merkel (r.) beim W20-Frauengipfel in Berlin mit Ivanka Trump (l.) und IWF-Chefin Christine Lagarde

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Wenn die Begriffe „Feminismus“ oder „Sexismus“ fallen, husche ich ins allernächste Loch. Denn bei Diskussionen zu diesen Themen herrscht eine Stimmung, wie kurz vor der Wurzelbehandlung: Es wird nicht schön. Das Aufdecken von „Sexismus“ in Werbung oder anderen öffentlichen Darstellungen ist das „Whalewatching“ des politisch verkrampften Menschen. Gleichgültig, was sich nur augenblicklich an der Oberfläche zeigt: Es kann nur das Eine sein.

Kürzlich versendete eine Aufgebrachte das Bild einer lückenlos bekleideten Flugbegleiterin. Um für die Dienste der Fluggesellschaft zu werben, lächelte die Mitarbeiterin kokett. Klarer Fall von Sexismus, fand die Abschickerin. Letztlich ist es erleichternd, dass diesen Empörten keine Panzerarmeen oder iranischen Staatsapparate zur Verfügung stehen. Andererseits neandertalern immer noch zu viele Männchen durch die Gegend, die wir eigentlich sicher in der Höhle zurückgelassen wähnten.

Der Österreicher, der aus dem All zur Erde sprang, beweist mit der Beleidigung einer charismatischen TV-Moderatorin, dass er die vergangenen Jahrzehnte unter dem Kiesel seiner verschluchteten Heimat zubrachte. Im Netzangebot eines deutschen Magazins wird die Frau des französischen Präsidentschaftskandidaten Macron auf eine Weise herabgewürdigt, wie es Landser-Naturen in ihren Ostfront-Bunkern lustig fanden.

Wie überflüssig das ständige Aufkleben von Etiketten ist, bewies sich in dieser Woche beim W20-Frauengipfel. Angela Merkel wird gefragt, ob sie Feministin ist. Einen ganzen Mannschaftsbus von Typen, die sich zu wichtig nahmen, hat diese Frau auf eine Wüstentour geschickt. Jedes Klischee, wie weibliche Führung sich angeblich unterscheidet, hat die Kanzlerin zerbröselt. Jedes überkommene Bild von herbeifantasierter fraulicher Gefühligkeit geschreddert. Es könnte sein, dass diese Frau eine Feministin ist. Sie braucht nur keinen durchgenudelten Begriff. Ihre Taten beschreiben sie präziser.

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