Thadeusz

Die vielen Jörgs, die die Alis neben sich im Stich lassen

Jörg Thadeusz macht sich Gedanken, was gewesen wäre, wenn er als Ali geboren worden wäre.

Foto: Jenny Sieboldt

Meine Mutter hätte sich auch anderweitig verlieben können. Nicht in diesen ganovenhaften Charmeur, der ihr unter anderem diesen slawischen Namen einhandelte. Ende der 60er-Jahre, Ruhrgebiet, ihr Herz war frei. Überall Alis und Mohammeds. Mit Heimweh und Sehnsucht nach Wärme. Ali statt Jörg, klingt erst einmal besser. Ich hätte an denselben Orten aufwachsen können. Pott. Wo sich alles nach Peripherie der großen, weiten Welt anfühlt. Wo alle mehr oder weniger nichts haben. Außer große Schnauze. Klar, mein Vater hätte zu den Männern mit braunen Augen und schwarzem Haar gehört, über die noch nicht einmal Udo Jürgens singt. Denn der hatte seinen Hit mit Griechen. Männer aus dem Wirtshaus. Nicht aus der Teestube. Beim Radio Anfang der 90er-Jahre hätten sie mich wohl nicht ins Hauptprogramm genommen. Sondern wie einen Ali, den ich kenne, zum Ausländerprogramm geschickt.

Als Ali könnte ich auch seit 48 Jahren nirgendwo anders gelebt haben. Trotzdem wäre meine Heimat Achselzuckenhausen. Nicht dieses Schland. In dem die Leute selbst nicht wissen, wer sie sind. Zu Scooter feiern, aber trotzdem glauben, sie seien alle irgendwie mit Beethoven verwandt. Wie oft habe ich gehört, man müsse die Rückständigkeit dieser Türken verstehen. Die kämen halt ursprünglich aus Anatolien. Immer so geraunt, als läge Silicon Valley direkt neben Celle. Unter meinen Schulkollegen gab es bei der Vorbereitung der Abi-Feier Streit. Ob wir nicht anders als mit Bier und Buletten feiern könnten, meinte eine Splittergruppe. Die weltläufigen, ganz und gar unanatolischen Westfalen haben sich durchgesetzt – Bier und Buletten.

Klar wünsche ich mir, dass Deniz Yücel endlich freikommt. Wäre toll, wenn Erdogan für seinen ganzen Mist im nächsten Leben an einer Matjes-Bude arbeiten muss. Aber ich verstehe die Deutschen türkischer Abstammung, die nach irgendwas suchen, zu dem sie erstklassig dazugehören dürfen. Ich gehöre zu den vielen Jörgs, die die Alis neben sich im Stich gelassen haben. Und dafür schäme ich mich.

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