Es muss aufgeräumt werden. Überall lassen Leute ihre schmutzigen Sätze fallen. Zum Glück sind die Gedankenreiniger da. Thomas Oppermann (SPD) und Volker Kauder (CDU) gehen bei Facebook jetzt auch in die Ecken. Wer dort verleumdet oder falsche Nachrichten verbreitet, ist dran. Bußgeld, mindestens. Sollten die Vorschläge der Herren Gesetz werden, möchte ich die beiden nur noch mit „Mama“ ansprechen dürfen. Denn meine Mutter war bisher die einzige Autorität in meinem Leben, die der Meinung war, die Welt da draußen würde mich überfordern.
Mir ist tatsächlich vieles unverständlich. Warum setzen sich Leute beim Sex Schäferhundmasken auf? Ist es verbindend, wie bei einem Sieg der eigenen Fußballmannschaft, wenn die Linken im tiefsten Winter unter einem Lenin-Banner Rosa Luxemburgs Grab besuchen gehen? Und ich weiß auch nicht, warum Computersitzer lieber in ihr Gerät hineinhassen, als „Ich hab Dich lieb“-Botschaften ins Digitale zu pusten. Aber ich sehe mich durch das NPD-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vor ein paar Tagen in die Pflicht genommen. Das Urteil sagt mir: Nein, Bürger, es wird nicht alles verboten, wovor du dich womöglich ekelst. Kümmere dich.
Nur die Demokratie kommt damit klar, wie unterschiedlich Ansichten sind
Wenn der Mirko in einem „Hart wie Kruppstahl“-T-Shirt zum Dienst bei der Freiwilligen Feuerwehr erscheint, dann frage nicht nach dem Gesetz. Sondern den Mirko, an welcher Stelle er eigentlich das Loch im Kopf hat. Und ich rufe nicht nach Mama Kauder, nur weil ich einen Infamen entdeckt habe. Es gibt bisher nur eine Staatsform, die einigermaßen damit klarkommt, wie liederlich unterschiedlich Menschen in ihren Ansichten sind. Ein Demokrat ist also oft genervt. Muss aber vor allem Unordnung aushalten können.
Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost. Er arbeitet seit rund 25 Jahren als Journalist, Radio- und TV-Moderator sowie Buchautor. Aktuell moderiert er unter anderem regelmäßig beim Rundfunk Berlin-Brandenburg die Sendungen "Thadeusz" und "Thadeusz und die Beobachter". 2000 wurde er gemeinsam mit dem Team der WDR-Kultsendung "Zimmer frei!" mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.
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