In der Maßeinheit von Fernsehserien gesprochen waren die ersten Staffeln ihres Lebens nicht so toll. Zuerst ideologisch für dumm verkauft, ohne es zu bemerken. Dann Heimat, Habe und Ehre verloren. Nun bin ich nicht mit den westlichen Befreiern im Juni 1944 in der Normandie gelandet. Trotzdem fühlte ich mich meinen Großeltern immer moralisch überlegen. Bei aller Liebe. Meine Oma ätzte über die Buntheit unserer diversen Gesellschaft, als sei sie noch im BDM. Es war klar, wann mein Opa die defätistischen Schmählieder gelernt hatte, die er beim Bügeln so gern sang. Als er in dieser Wehrmachtsuniform steckte und in Frankreich in einem Haus wohnte, das ihm gar nicht gehörte. Sehr viel mehr Erinnerung kam von ihm nicht. Er hat mir zum Zivildienst geraten. Sollte ich doch zur Bundeswehr gehen, dann unbedingt die Infanterie meiden. Zu viel Rumgelaufe, warnte der ehemalige Unteroffizier einer Verliererarmee.
Es gehe uns allen sehr gut, solange „kein Krieg kommt“, rief meine Oma vor allem an Feiertagen gern aus. Das nervte, fanden wir Jüngeren. Denn zum einen würde Krieg nicht so einfach über uns „kommen“. Zum anderen waren wir in der Friedensbewegung und verhinderten somit jede Art von Krieg.
Die Geschichten von der schlimmsten Zeit ihres Lebens wiederholten sich, bis von den Sätzen nur noch nichtssagende Ruinen in der Gegend rumstanden. Was meine Großeltern nur unzureichend beschreiben konnten, sehe ich allerdings heute in schlimm präzisen Bildern auf allen möglichen Monitoren. Ausgebombte Gestalten in Syrien. Menschliches Leid, von dem bei uns in dieser Woche nur noch resigniertes Schluchzen ankam. Ich bin fast 50, aber dennoch so ratlos, dass ich wünschte, ich könnte meine Großeltern fragen. Was glaubt ihr, was richtig ist? Darf man die Falschen gewinnen lassen? Muss Krieg nicht manchmal mit Krieg beendet werden? Oder machen wir es vor allem dann richtig, wenn wir eurem Beispiel folgen und so gut wie möglich ausblenden, was verstört?
Gans braten, Baum anknipsen und Schwamm drüber. Aber was wird dann aus unserer moralischen Überlegenheit?

Der Moderator Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost. Aktuell moderiert er unter anderem regelmäßig beim Rundfunk Berlin-Brandenburg die Sendungen „Thadeusz“ und „Thadeusz und die Beobachter“. 2000 wurde er gemeinsam mit dem Team der WDR-Kultsendung „Zimmer frei!“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.


