Mein Neujahrswunsch: abgeholt werden.
Im vergangenen Jahr waren Menschen im Fernsehen zu sehen, die Galgen durch die Gegend trugen, um die Hinrichtung eines prominenten Politikers zu simulieren. Oder hässliche Naturen, die der Bundeskanzlerin Obszönitäten entgegenbrüllten. Beim Anblick dieser Bilder war mein Gedanke: Ich glaub, es hackt.
Politiker sahen dagegen Anlass zu unehrlicher Selbstkritik und schwurbelten: „Wir müssen die Menschen da abholen, wo sie sind.“
Gut, nehmen wir das beim Wort. Wenn die unbedingt umsorgen wollen, dann möchte ich auch auf den Arm.
Solange ich nicht rumschreien oder Beatrix von Storch für vernünftig halten muss, dürfen die Vertreter dieses Staates auch mich gerne zu verstehen versuchen. Hat leider schon im ersten Versuch nicht geklappt. Es ging um eine ärgerliche Banalität. In eine Baustelle, an der monatelang niemand baute, platzierte ein Polizeiangestellter seine Radarfalle.
Für Radfahrer gibt es an dieser Stelle einen gesonderten Tunnel. Fußgänger sind dort keine. Bauarbeiter leider auch nicht. Meine Frage war einfach: Was soll das? Von der Polizei hat niemand geantwortet. Der stellvertretende Bürgermeister zupfte mich per Brief ermahnend am Ohr. Er hatte sich nicht erkundigt, warum der Polizeiangestellte dort blitzte. Sondern behauptete einfach aus der hohlen Hand, die Sache hätte gewiss ihre Richtigkeit. Außerdem ermahnte er mich, ich möge mich in Zukunft an die Regeln halten und sofort meine Strafe bezahlen.
Mit welchem Recht spielt sich dieser Mann auf, als wäre er meine Mama? Denn die ist die Einzige, bei der ich „Weil ich es so sage“ nach wie vor als Ende der Diskussion hinnehmen muss.
Dieser Bürgermeister ist kaum älter als ich und vertritt die SPD. Die hat bei uns nur ein Fünftel der Berechtigten für wählbar gehalten. Er ist also entweder in dieser Männerkrise, die uns in unseren Wechseljahren oft erwischt. Oder einfach nur politdepressiv, weil er so gern wieder in einer Volkspartei wäre.
In jedem Fall ist er auf eine Weise verzweifelt, dass ich ihm anbieten sollte, ihn dort abzuholen, wo er ist.
Weitere Kolumnen von Jörg Thadeusz:





