Mein Kollege M. liebt seinen weißen Rollkragenpullover. Er trägt ihn meistens zum Sakko. Alle Frauen in der Redaktion hassen ihn. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Mann ist wirklich gutaussehend. Aber dieser Rollkragenpulli gehört in die Tonne. Da sind sich alle Weiber völlig einig, was selten genug vorkommt.

Im Chor versuchen sie, den armen Mann mit süßem Säuseln und spitzer Zunge aus dem Textil zu reden. Sie schimpfen ihn aus und loben gleichzeitig seine restliche Geschmackssicherheit. Doch er widersteht und hat zur Überzeugungs-Festigung ein Bild von Roger Moore als James Bond in „Moonraker“ an seinen Computer geklebt. Dort trägt Moore in der Anfangsszene, na, was wohl: einen weißen Rolli zum Sakko. Ich bin mir sicher, die Frauen haben schon etliche Pläne geschmiedet, den Rolli verschwinden zu lassen. Ihn mit Tomatensaft bekippen und „mit nach Hause zum Waschen nehmen“. Dort verschwindet er dann unter fadenscheinigen Erklärungen.

Ich sag’s ganz ehrlich: Er hat meinen Respekt. Manchmal muss man für seine modischen Überzeugungen kämpfen. Manche speziellen Kleidungsstücke oder Accessoires sprechen eben nur zu einem selbst und bringen eine Saite zum Klingen, die sonst verborgen bleibt. Ich besitze zum Beispiel eine kitschige Einhorn-Brosche, die ich im Alter von sieben Jahren geschenkt bekam, und eine noch kitschigere Bambi-Plastikbrosche. Sie sind mein Ying und Yang an schlechten Tagen. Stehen Sie also zu einer (einzigen) modischen Sünde. Das reinigt die Fashion-Seele.

Natürlich gibt es Situationen, da muss man hart durchgreifen. Meist ist das der Fall, wenn jemand über ein Kleidungsstück sagt: „Die Jeans, das Hemd, der Mantel ist doch noch gut!“ Nein, sind sie vermutlich schon seit Jahren nicht mehr. Meine Tante hat dafür eine einfache Lösung. Letztens ging sie mit ihrem Mann durch die Innenstadt. Der zeigte auf einen Obdachlosen im Trenchcoat. „Guck dir das an, der hat den gleichen Mantel wie ich.“ Einen Mantel, den meine Tante wohlgemerkt mit der gleichen Leidenschaft hasst wie die Kollegen den weißen Rollkragenpullover. Da sie eine Frau der Tat ist, antwortete sie meinem Onkel trocken: „Das ist dein Mantel, Günther.“