Merkwürdig. Der besorgte Herr Grindel hat Ehrenspielführer Gerhard Schröder gar nicht zu einer Erklärung genötigt wegen seines Kratzfußes bei einer weiteren Inthronisationsfeier des Sultans. Dass die Kanzlerin kurz vor einer anderen Erdogan-Wahl im Reich der Journalistenknäste vorbeischaute, hat den DFB-Chef auch nicht gejuckt. Als CDU-Ultra kann man einen ja nicht schrecklich finden, der uns Millionen Flüchtlinge für ein Trinkgeld vom Hals hält. Ach ja, WM zu Ehren Putins und bald bei den lupenreinen Autokraten Katars – auch kein Problem. Aber Özils Händeschütteln, das ist der Skandal, weswegen unsere wohlfrisierten Kicker ausgeschieden sind? Das ist Ethik für Hooligans und grob unsportlich, Herr Präsident – Gelb-Rote Karte für die schwarze Seele.
Der Fußball gehört zu Deutschland. Unsere Meta-Religion kann nicht hassen, sondern will, ja muss integrieren. Denn nur die Besten gewinnen. Der Gelsenkirchener Mesut Özil sprach auch in der Schule kaum Deutsch, so wie alle um ihn herum. Aber mit dem Ball im Drahtverhau, da fühlte er sich zu Hause, so wie später im Verein. Zigtausend ehrenamtliche Trainer leisten täglich mehr Integrationsarbeit als alle theoriestarken Schreihälse. Ohne den Sport wäre aus dem stillen Mesut Özil womöglich ein soziales Problem geworden. Heute ist er Vorbild, das an guten Tagen Modrić-haft die größte aller Teamtugenden zeigt: Er bereitet Tore vor, die andere schießen.
Wie der Grindel-DFB Sportsgeist versteht, zeigten zwei Funktionärstouristen, die nach dem Kroos-Freistoß gegen die schwedische Bank pöbelten. Schwedens Team wiederum stellte sich hinter den Verursacher des Freistoßes, der üble Hetzereien auszuhalten hatte. Der deutsche Fußballchef, gleichsam Wertewart des „Alle für einen, einer für alle“, versagt kläglich, wenn er die deutsche WM-Blamage einem Spieler zuschiebt. Der gelernte Politiker und Journalist Grindel weiß, wie Ablenkungsmanöver gehen. Niemand soll merken, dass der deutsche Fußball ein Haltungsproblem hat, auf und neben dem Platz. Und dieses Problem sitzt ganz oben.
Mehr Kolumnen von Hajo Schumacher:


