Schumachers Woche

Heimat ist ein Mysterium, aber kein Ministerium

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Hajo Schumacher
Hajo Schumacher

Hajo Schumacher

Foto: Frank Johannes

Heimat braucht kein Ministerium. Hajo Schumacher sagt, wie ein Ort sein muss, damit er ein Zuhause ist.

Meine Heimat ist dort, wo mein Fahrrad unabgeschlossen im Keller steht,
dort, wo ich dauernd im Wald joggen möchte,
dort, wo es um fünf Uhr morgens aussieht wie auf einem Bild von Emil Nolde,
dort, wo nicht sofort der ersten emotionalen Regung nachgegeben wird,
dort, wo Menschen ohne Angst tanzen und feiern,
dort, wo Zukunft nicht nur mit „Breitbandausbau“ definiert wird,
dort, wo Buchhandlungen Werke ins Schaufenster stellen, von denen ich noch nie gehört habe,
dort, wo meine Kinder ihren Neigungen nachgehen,
dort, wo nicht dauernd „Aber“ gesagt wird,
dort, wo Lachen nicht als mangelndes Problembewusstsein interpretiert wird,
dort, wo Kartoffeln im Boden wachsen,
dort, wo morgens Tageszeitungen in Briefkästen stecken,
dort, wo Menschen kontroverse Meinungen austauschen und Bier zusammen trinken,
dort, wo ich anziehen kann, was ich will,
dort, wo Menschen mit schlechter Laune nicht um sich schießen,
dort, wo meditiert wird, dort, wo Menschen nicht sofort „Nazi“ oder „Ausländer“ schreien, sobald sie intellektuell überfordert sind,
dort, wo die feine Linie zwischen Satire und Herabwürdigung erkannt wird,
dort, wo Menschen Spaß haben, sich zu bewegen,
dort, wo nicht stumpf nacherzählt wird, was man woanders gehört hat,
dort, wo Respekt auf beiden Seiten einer Tafel herrscht,
dort, wo ich meine Bedürfnisse ohne Furcht äußern kann,
dort, wo über Reklame gelacht wird,
dort, wo Menschen keine Waffen tragen,
dort, wo Vorgärten nicht eingezäunt sind,
dort, wo Rechte und Macht und Pflichten fair geteilt sind,
dort wo nicht dauernd gebrüllt wird,
dort, wo Sport zum Spaß getrieben wird,
dort, wo sich Dörfler und Städter belächeln aber trotzdem mögen,
dort, wo die Menschen nicht unentwegt auf ihr mobiles Endgerät starren,
dort, wo die Geduld aufgebracht wird, ein Thema zu durchdringen,
dort, wo Hysterie und Häme geächtet sind,


dort, wo man Politik ernst nehmen kann, also vermutlich nicht gerade dort, wo „Heimat“ in einem Ministerium gefangen genommen wird.

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