Ich hatte mal einen Chef, der hielt es für Arbeit, wenn man abends lange im Büro blieb. Wer bei Tageslicht ging, war Wenigleister und Verkrümler. Klassischer Denkfehler: Anwesenheit gleich Ergebnis, Qualität gleich Qual. Deswegen konnte sich FDP-Chef Christian Lindner nicht am Freitagmittag bei Sonnenschein vor die Kameras stellen, sondern erst nachts, am Wochenende, im Nieselregen. Weil Politik sich gern als Härte inszeniert.
Der bekloppte deutsche Opfermythos hat die gescheiterten Sondierungsgespräche von Anfang an umweht. Es ging nicht um gute Resultate oder respektvolles Miteinander, sondern lediglich ums Mürbemachen, jeder sich und alle anderen. Aus Angst vor Faulpelz-Schlagzeilen haben die Menschen, die unser Land regieren wollten, viel zu wenig Schlaf bekommen, zu viele leere Kohlehydrate, zu wenig frische Luft getankt, kaum Bewegung. Schon bald läuft der Körper auf Reserve, die Nerven zucken, der Hormonspiegel steht auf Aggression.
Wie sollen fünf Dutzend sehr spezieller Menschen das Miteinander entdecken, wenn sie wochenlang unter menschenfeindlichen Bedingungen eingesperrt werden? Es gehört zu den unheimlichsten Rätseln der deutschen Seele, warum wir den Rackerer bewundern, der stumpf auf- und abrennt, egal warum und wohin.
Verhandeln Sie nur werktags von 9 bis 17 Uhr
Wer auch immer in die nächste Runde der Regierungsverhandelei geht: Ringen Sie der unerbittlichen Kanzlerin einige Regeln ab, von Burn-out-Experten empfohlen. Verhandeln Sie nur werktags von 9 bis 17 Uhr. Freitag ist um 13 Uhr Schluss. Freuen Sie sich auf Ihren Partner. Versuchen Sie, Ihre Kinder mit den richtigen Vornamen anzusprechen. Meiden Sie Internet und Interviews. Planen Sie für das Wochenende nichts außer Mittagsschlaf. Lesen, lachen, laufen Sie, wälzen Sie sich im Herbstlaub. Gönnen Sie sich Kino, Tanzen, hemmungslose Zärtlichkeit. Genuss- statt Stresswein. Vergessen Sie Kohlestrom. Und treten Sie am Montag ausgeruht wieder an.
Wäre doch abgefahren, wenn dieses Land von entspannten Menschen regiert würde und nicht von Zombies.


