Mitte der Woche fand Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) kräftige Worte: „Wer Fachkräfte will, muss ausbilden.“ Die Senatorin gab sich verärgert. Zwar wachse die Wirtschaft in Berlin, aber im Ausbildungsmarkt spiegele sich das nicht wider. „Hier gibt es mehr Bewerber als betriebliche Ausbildungsplätze“, konstatierte Breitenbach unmittelbar vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres und legte Zahlen nach. Danach stünden 4606 unbesetzten Ausbildungsplätzen noch 6264 unversorgte Bewerber gegenüber.

 Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke)
Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke)© Ricarda Spiegel

Schuld an der Misere ist aus Sicht der linken Arbeitssenatorin die Wirtschaft. Wenn die Unternehmen in der derzeit guten Wirtschaftslage nicht mehr ausbildeten, sei auch „deren Klage über fehlende Fachkräfte nicht nachvollziehbar“. Erst kürzlich hatte sie in dieser Zeitung der Wirtschaft mit einer Ausbildungsplatzabgabe gedroht, wenn sich am Azubi-Markt nichts ändert.

Die Fokussierung auf die Berliner Unternehmen als die einzig Schuldigen läuft schon seit einiger Zeit. Schon am 1. August warnte die Senatorin die Wirtschaft: „Die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt muss sich zudem in einem Anstieg der betrieblichen Ausbildungsplätze in Berlin niederschlagen“, so Breitenbach. Um dann noch deutlicher zu werden: „Es wäre weder vermittelbar noch akzeptabel, wenn die Zahl gemeldeter betrieblicher Ausbildungsplätze unter den gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sinken würde.“

Nur einen Tag zuvor hatte Breitenbachs Arbeitsstaatssekretär, Alexander Fischer, gemahnt: Die Wirtschaft müsse für den Berufsbildungspakt Hausaufgaben erledigen. Auch hier wurde gedroht: Wenn nicht ausreichend Ausbildungsplätze geschaffen würden, müsse man schauen, „ob der Prüfauftrag des Koalitionsvertrags zur Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe aufgerufen werden muss“, so der Staatssekretär.

Politik als Drohkulisse. Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg zeichnen ein ganz anderes Bild. Danach fällt es den Firmen immer schwerer, offene Ausbildungsplätze zu besetzen. Praktisch jede Branche habe Probleme bei der Nachwuchssuche, so Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. Auf der Suche nach geeigneten Bewerbern würden Twitter, Facebook und Co. eingesetzt. Einige Firmen schicken sogar Headhunter los. Wenn man solchen professionellen Azubi-Suchern zuhört, erfährt man aber auch, dass viele Jugendliche mit den Erfordernissen des Arbeitsalltags nicht klarkommen. So sei es schwierig, junge Leute für Jobs zu begeistern, bei denen auch abends und am Wochenende gearbeitet werden müsste, erzählte eine Headhunterin diese Woche im Rundfunk Berlin-Brandenburg.

Viele Unternehmen müssen auch feststellen, dass die Jugendlichen, die die Schulen verlassen, häufig nicht ausreichend schreiben und rechnen können. Die Industrie- und Handelskammer verweist auf eine Umfrage unter ihren Betrieben. Danach konnten im vergangenen Ausbildungsjahr 36 Prozent der angebotenen Plätze nicht besetzt werden. Jedes dritte Unternehmen biete Nachhilfe an, um Schulkenntnisse aufzubessern, so die Industrie- und Handelskammer. IHK-Chefin Beatrice Kramm warnte diese Woche dann auch eindringlich vor einer Ausbildungsstrafzahlung: Eine solche Abgabe bringe nicht mehr Jugendliche in Ausbildung, sondern schwäche Berlin als Ausbildungsstandort.

Man wundert sich schon: Da wird die Wirtschaft von Senatsseite angezählt, sie tue zu wenig auf dem Ausbildungsmarkt. Gleichzeitig ist die Ausbildung, die die Mädchen und Jungen in den Schulen erhalten, offenbar häufig nicht ausreichend, um später im Arbeitsleben klarzukommen.

Am Montag beginnt übrigens das neue Schuljahr. Passend dazu gab Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bekannt, dass die Zahl der ungelernten Lehrer, also der Quereinsteiger und schnell geschulten Pädagogen aus anderen Berufen, bei den Neueinstellungen mittlerweile 41 Prozent beträgt.

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