Freitagmittag, Joachimsthaler Straße, Ecke Kudamm: Berlins Polizei setzt die angekündigten Verkehrskontrollen um. Ein Wagen nach dem anderen wird aus dem Verkehr geholt. Vornehmlich große Autos mit vielen PS. Nach dem tödlichen Unfall durch Raser auf dem Kurfürstendamm will die Behörde Druck auf die Szene ausüben. An sich ist der Freitag schon richtig gewählt. Denn rund um das Wochenende kann man sie von Weitem schon hören: die tiefergelegten, hochmotorisierten Autos, die durch kurzes Beschleunigen – gern auch mal als Rechtsüberholer auf der Busspur – auffallen.
Es muss nicht immer gleich ein illegales Rennen sein. Aber für andere Autofahrer, für Fußgänger oder Radfahrer ist diese Art, mit überschüssigem Testosteron umzugehen, lebensgefährlich. Es wurde dringend Zeit, dass Berlins Polizei gegen die Raser vorgeht.
Aber es mutet schon komisch an, wenn die Stadt sich gleichzeitig über ein legales Autorennen mitten in der City Ost freuen soll. Wie dieses Woche bekannt wurde, will die Formel-E am 21. Mai ein Rennen auf der Karl-Marx-Allee veranstalten. Die zwei Kilometer lange oder besser gesagt kurze Strecke führt über die Karl-Marx-Allee rund um den Straußberger Platz bis zum Alexanderplatz, wo eine Boxengasse entstehen soll. Bis zu 230 Stundenkilometer schnell sind die Elektroautos, die optisch wie kleine Formel-1-Wagen aussehen. Die Veranstalter der „Fédération International de l’Automobile“ (FIA) versprechen sich ein großes Spektakel. An der Strecke sollen bis zu 14.000 Besucher Platz finden. Karten gibt es ab 19 Euro.
Ökologisches Feigenblatt für die Branche
Es geht der FIA aber weniger darum, Geld mit der Formel-E zu verdienen. Die Rennserie der Elektroautos ist so eine Art ökologisches Feigenblatt für die Branche, die verschrien ist, vor allem Benzinfresser zu produzieren. Die abgasfreien und leisen E-Autos sollen diesem Image entgegenwirken. Gleichzeitig sei eine solche Veranstaltung auch Werbung für den Umstieg auf Elektroautos im Alltag, ließ die Stadtentwicklungsverwaltung des Senats verlauten. Die Behörde hat das Rennspektakel in der östlichen Innenstadt zwar noch nicht genehmigt, steht der Veranstaltung aber offenbar wohlwollend gegenüber.
Die Karl-Marx-Allee ist der Ersatzstandort für das Tempelhofer Feld. Dort fand im vergangenen Jahr das erste Rennen dieser Art in Berlin statt. Allerdings ist aufgrund der Erweiterungsbauten für die Flüchtlinge ein Autorennen nicht mehr möglich.
Jetzt kann man ja geteilter Meinung sein, ob die Formel-E eine echte Werbeveranstaltung für Elektroautos ist. Denn niemand verbindet mit den E-Wagen im normalen Fahrgeschehen hochmotorisierte Raser. E-Autos für die Innenstadt – das sind doch eher die Fahrzeugparks der Carsharing-Firmen: klein, wendig und für kurze Strecken geeignet. Ob die Zielgruppe der ökologisch orientieren Autofahrer mit einem Rennspektakel angesprochen wird, ist doch fraglich.
Wen ein Autorennen mitten in der Stadt aber sicherlich interessiert, ist die illegale Raserszene. Bilder von durchdrehenden Reifen und Autos, die mit 200 Stundenkilometern über normale Straßen fahren – das regt doch geradezu zum Nachmachen an. Man muss sich nur die einschlägigen Foren im Internet anschauen, um zu wissen, was die Szene mag.
Ein Autorennen – und selbst wenn es Elektroautos sind – gehört auf eine eigens dafür gebaute Rennstrecke, zum Beispiel den Lausitzring, nicht in eine Innenstadt. Es mutet zudem makaber an, dass ausgerechnet die Straße für das E-Rennen ausgewählt wurde, auf der erst vor gut zwei Monaten ein unschuldiger Taxifahrer starb – weil ein Raser einen schweren Unfall verursachte.
Berlins Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) sollte noch einmal nachdenken. Denn obwohl die FIA ihre neue Rennstrecke in der deutschen Hauptstadt schon feiert („Strecke mit Charakter“), gibt es noch keine Genehmigung seiner Behörde.

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