Wer meint, in der SPD seien alle im Urlaub und verschwendeten keine Gedanken an die Politik, der irrt. Hinter den Kulissen wird viel nachgedacht – vor allem über die Frage, wie es denn so weitergeht in der Partei, mit dem Regierenden Bürgermeister. Dass Klaus Wowereit bei der nächsten Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2016 noch einmal antritt, damit rechnet eigentlich niemand mehr. Auch wenn Wowereit in diesen Tagen wieder gut gelaunt, charmant und interessiert daherkommt. Wowereit kann auch zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht erklären, dass er 2016 nicht mehr als Spitzenkandidat zur Verfügung steht, denn dann wäre er sofort eine „lame duck“ und würde von niemandem mehr ernst genommen.
Um seine Nachfolge gibt es in der Partei ein mächtiges Gerangel, denn diejenigen, die SPD-Spitzenkandidat werden wollen, rechnen sich aus, dass sie dann auch mit einer sehr, sehr großen Wahrscheinlichkeit der nächste Regierende Bürgermeister von Berlin werden. Sei es mit einer großen Koalition, also mit der CDU, sei es mit einer rot-grünen, einer rot-roten oder gar einer rot-roten-grünen Mehrheit. Die SPD in Berlin hat viele mögliche Koalitionspartner, die CDU wohl nur die SPD.
Und so denkt manch einer in der SPD, dass er es , wenn er erst einmal Spitzenkandidat ist, dann auch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ins Rote Rathaus schafft. Mehr noch: dass er dort dann auch nicht nur eine Legislaturperiode bleibt, sondern vielleicht sogar für die nächsten zehn Jahre – vorausgesetzt, er macht keine Fehler.
Also wollen nicht nur SPD-Landeschef Jan Stöß und der SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh an die Spitze, sondern, so hört man aus der Partei, auch Arbeitssenatorin Dilek Kolat und die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl. Gleiches gilt für Michael Müller, der jetzt Stadtentwicklungssenator ist und früher, als er selbst noch SPD-Landeschef und Fraktionsvorsitzender war, ein enges Verhältnis zu Wowereit hatte. In den ersten zweieinhalb Jahren als Senator stritt Müller vor allem mit Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD), doch überraschenderweise wird jetzt aus der Partei berichtet, dass die beiden ihren Streit beigelegt hätten und seit kurzem die dicksten Freunde seien. Müller, der vor zwei Jahren von Stöß und Saleh gemeinsam als SPD-Landesvorsitzender gestürzt worden war, sieht sich wieder im Aufwind. Auch wenn es mit dem dringend erforderlichen Neubau von Wohnungen schlecht läuft, auch wenn er beim Volksentscheid für ein freies Tempelhofer Feld mit seinen Bebauungsplänen gescheitert ist, auch wenn die S-Bahn-Ausschreibung ein Desaster ist.
Nußbaum werden ebenfalls große Ambitionen auf die Spitzenkandidatur nachgesagt, obwohl er kein Parteibuch hat. Aber in die SPD kann man innerhalb eines Tages eintreten. „Nußbaum traut sich alles zu, auch die Spitzenkandidatur“, sagt ein führender Sozialdemokrat.
Wer das Rennen macht, gilt in der Berliner SPD als völlig offen. Ebenso, wann die Entscheidung fällt. Denn auch das ist allen potenziellen Spitzenkandidaten klar: Ohne den Mann im Roten Rathaus geht nichts. Wowereit muss sagen, wann und wie er aufhören will.

