Berlins SPD gönnt sich am Montag ein Glas Sekt. Im Rathaus Schöneberg feiern die Sozialdemokraten sich selbst. Seit einem Vierteljahrhundert ist die Partei in der Hauptstadt an der Macht. Seit Walter Momper 1989 mit seinem rot-grünen Bündnis die CDU in die Opposition trieb, saßen Vertreter der Partei immer am Senatstisch.

Es ist schon erstaunlich in welchen Konstellationen: Erst mit der Alternativen Liste, den späteren Grünen. Dann als Juniorpartner der CDU, dann für drei Monate wieder mit den Grünen, für Jahre mit der PDS/Linke, jetzt wieder mit der CDU – dieses Mal als Seniorpartner. Der Machterhaltungstrieb in der SPD war immer erstaunlich groß. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es im Bund immer wieder diese unerklärliche Sehnsucht nach Opposition gibt.

Nein, in Berlin will die SPD regieren und die Geschicke der Stadt lenken. Bei der Feier im Schöneberger Rathaus, dort wo Mompers historischer Machtwechsel stattfand, soll dann auch der ehemalige Regierende Bürgermeister und spätere Abgeordnetenhauspräsident im Mittelpunkt stehen. Von Mompers damaligen Senatorinnen der Alternativen Liste haben einige offenbar wegen einer anderen Feier abgesagt. Aber der Berliner SPD ist ohnehin viel daran gelegen, sich nicht allzu sehr und allzu lange mit der Vergangenheit zu beschäftigen.

Die große Frage: Wie wird es nach Wowereit weitergehen?

Nicht, dass noch der Eindruck aufkommt: 25 Jahre an der Macht. Jetzt ist es auch mal gut gewesen. So nimmt man es bei den Sozialdemokraten positiv auf, dass die amtierende Generation der Grünen-Politiker ihr Kommen zugesagt hat: die Fraktionschefinnen Ramona Pop und Antje Kapek werden zur Feierstunde erwartet. Für künftige mögliche Koalitionen – das weiß auch der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß, ist die junge Generation der Grünen entscheidend.

Stöß gehört zu der neuen Generation von SPD-Politikern, die die Sozialdemokraten auch nach Momper und Wowereit an der Macht halten wollen. Dabei ist die Kardinalfrage ungeklärt. Denn noch ist nicht entschieden, wer Wowereit beerben soll. Fraktionschef Raed Saleh, Parteichef Stöß oder doch Arbeitssenatorin Dilek Kolat? Auch der Termin steht noch nicht fest. Zwar heißt es, der Regierende Bürgermeister habe in der Steueraffäre um Ex-Kulturstaatssekretär André Schmitz seine Grenzen aufgezeigt bekommen.

Doch Wowereit wäre nicht Wowereit, würde er nicht gleich politisch kontern. Kolat hat er die politisch heikle Aufgabe überlassen, das Problem mit dem Kreuzberger Flüchtlingscamp zu lösen. Und den Parteivorsitzenden kanzelte er im Abgeordnetenhaus öffentlich ab. Gefragt nach Stöß’ Kritik am Berliner Ensemble und der geplanten Lesung des umstrittenen Ex-Senators Thilo Sarrazin, sagte der für die Kultur zuständige Regierende Bürgermeister: „Landesvorsitzende können erzählen, was sie wollen, das gilt für Herrn Stöß genauso wie für Herrn Lauer, bei den Grünen fallen mir die Namen gerade nicht ein.“ Stöß, der im Mai wiedergewählt werden will, wird sich solche Äußerungen gut merken. In der Politik gibt es überdurchschnittlich viele Menschen mit sehr gutem Langzeitgedächtnis.

Guter Anlass auch nach vorne zu schauen

Und inhaltlich? Mit welchen Themen will die SPD in die nächste Abgeordnetenhauswahl ziehen? Eine Linderung der Wohnungsnot wird es wohl bis 2016 kaum geben, weil es einfach dauert, bis zehntausende neue Wohnungen gebaut worden sind. Oder Berlin als wirtschaftlich aufblühende Stadt mit vielen neuen Arbeitsplätzen? Damit könnte ja auch die CDU werben, die ja immerhin das Wirtschaftsressort innehat.

Wenn die SPD an diesem Montag ihr Vierteljahrhundert an der Macht feiert, ist das ein guter Anlass auch nach vorne zu schauen. Denn die Stadt hat sich seit Mompers Senat massiv verändert, und sie braucht neue Antworten.