Meine Woche

Eine Stadt wie Berlin muss Flüchtlinge unterbringen können

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Christine Richter

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Der Senat muss versuchen, das Flüchtlingsproblem zu lösen. Die Menschen in ein Heim zu stecken und dann zu hoffen, es werde schon alles gutgehen, das funktioniert nicht, meint Christine Richter.

Das Thema ist seit einiger Zeit in Berlin virulent, doch in dieser Woche ist die Frage, wo die Flüchtlinge, die seit einigen Monaten so zahlreich in die Stadt kommen, bleiben sollen, zur alles bestimmenden geworden. Denn die Angst einiger Berliner vor den Asylbewerbern, vor einem Heim mit 100, 200 oder gar 300 Menschen in ihrer Nachbarschaft ist offenbar groß. Und weil diese Furcht vor den Fremden von Neonazis und der NPD politisch instrumentalisiert wird, eskalierte am vergangenen Dienstag eine Bürgerveranstaltung in Hellersdorf.

Dort soll eine leer stehende Schule, die Max-Reinhardt-Schule, zu einem Flüchtlingsheim umgebaut werden. Doch das gefällt vielen Anwohner nicht. Sie haben Angst, dass die Kriminalität dort dann zunimmt, dass die Gegend verkommt. Und so erschienen zur öffentlichen Bürgerversammlung nicht etwa 50 Interessierte, sondern rund 900 Menschen, als der Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD) über das neue Asylbewerberheim informieren wollte. Und es kamen Rechtsextremisten, aber auch sogenannte linke Autonome – die Polizei musste eingreifen und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Lagern verhindern.

Nun sind alle erschrocken, der Bezirk, der Senat, aber auch viele Berliner, die solche Auftritte von Rechtsextremisten in unserer Stadt gar nicht mehr für möglich gehalten hätten. Doch dass die Neonazis mit dem Streit um Flüchtlinge ein Thema gefunden haben, mit dem sie die Menschen für sich zu mobilisieren hoffen, zeigen die Demonstrationen am Sonnabend.

Wir können die Menschen nicht auf der Straße campieren lassen

Ich hoffe sehr, dass dieser Schreck nach der Bürgerversammlung in Hellersdorf hilft, das Problem zu lösen. Denn es ist eines: Wohin mit den Asylsuchenden? Mindestens 1000 Plätze fehlen, sagte der Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) schon vor einigen Wochen. Die Lage in vielen außereuropäischen Ländern hat sich verschärft, aus Syrien oder Ägypten, aus dem Irak, aber auch aus Tschetschenien kommen die Menschen nach Deutschland. Weil sie verfolgt werden, weil sie hier auf ein besseres Leben hoffen. Sicherlich ist nicht jeder Asylantrag begründet, aber wir können die Menschen nicht auf der Straße – wie gerade auf dem Oranienplatz in Kreuzberg – campieren lassen. Das ist menschenunwürdig.

„Wollen Sie etwa neben einem Asylbewerberheim wohnen?“, fragte ein Bekannter, als wir in dieser Woche über die Hellersdorfer Ereignisse und die Forderungen der Kreuzberger Flüchtlinge diskutierten. Es geht, so denke ich, nicht um wollen, sondern um eine vernünftige Lösung in Berlin. In einer Stadt mit 3,4 Millionen Einwohnern muss Platz sein für ein paar tausend Asylbewerber. Und der Senat muss versuchen, eine für die Berliner angemessene Lösung zu finden – gerecht verteilt auf alle zwölf Bezirke, untergebracht am besten nicht in sozialen Brennpunkten.

Die Flüchtlinge mit ihren Familien in ein Heim zu stecken und dann zu hoffen, es werde schon alles gut gehen mit den Nachbarn, das wird jedenfalls nicht funktionieren. Die Ängste müssen ernst genommen werden, es muss zwischen Anwohnern und den Flüchtlingen moderiert, die neue Situation gestaltet werden. Denn es geht nur gemeinsam.