Netzentdecker

Im digitalen Vorzeigeland Estland läuft das Internet rund

Deutschlands oberster Digitalisierer ringt hingegen mit einer trägen Republik, sagt Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher, Autor und Kolumnist der Berliner
Morgenpost

Hajo Schumacher, Autor und Kolumnist der Berliner Morgenpost

Foto: imago/Westend61/ Annette Hauschild

Wir sind ein moderner Haushalt. Alles online. Sogar der Fernseher. Dafür habe ich auf Anraten eines Freundes drei tragende Wände durchbohrt. Eigentlich hatten wir WiFi-TV erhofft, kabellos mit der Welt verbunden. Leider liegen Fernseher und Datensteckdose ungünstig weit entfernt. Also doch ein Kabel. Die Wohnung der Zukunft sollte um die Internet-Steckdose gebaut werden.

Ob ich ein Haus abreißen wolle, fragte der Berater im Baumarkt, als ich um einen 40 Zentimeter langen Bohrer bat. Wlan, erklärte ich. Zum Abschied empfahl er mir einen Anti-Aggressions-Trainer, der sich auf Router und Wlan spezialisiert habe. Inzwischen läuft der Fernseher, saugt aber soviel Bits, dass der Rest vom Internet schwächelt. „Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden“, sagt die Kanzlerin. Nur unser Wohnzimmer nicht. Obgleich ich einen Highspeed-Vertrag mit dem führenden Netzanbieter bezahle, „kommt nicht genug aus der Dose“, sagt unser technikaffiner Freund, da müsse man nach Estland umziehen. Da schnurre das Netz.

Im Kanzleramt gibt es eine lustige Regel: Wer in einer Besprechung das E-Wort benutzt, muss fünf Euro ins Phrasenschwein bezahlen. Das E-Wort lautet „Estland“. Der kleine baltische Staat hat sich mit Island und Serbien zum digitalen Vorzeigeland der EU entwickelt. Helge Braun ächzt leise, wenn er das E-Wort hört. Braun ist Kanzleramtsminister und nebenbei oberster Digitalisierer Deutschlands. Merkels Mann fürs Internet verbreitet eine dalailamahafte Gelassenheit. Ihm geht es wie dem Bahnchef: Er soll in Rekordzeit richten, was seit Jahrzehnten ruckelt. Hart, aber unfair. So wie der Estland-Vergleich, findet Braun.

Die Esten, vor knapp 30 Jahren aus der verblichenen Sowjetunion entlassen, hatten es vergleichsweise leicht. Nach der Unabhängigkeit fehlten Geld und Personal, zugleich kam die EU-Bürokratie – und das Internet. Digitalisierung versprach Effizienz und wurde flächendeckend umgesetzt. 1992, als in Estland noch getrommelt wurde, führte Deutschland das D-Netz mit dem seinerzeit weltbesten 2G-Netz ein. Seither hat noch jeder Wirtschaftsminister eine Digitalstrategie verkündet, mit dem Resultat, dass Deutschland zuverlässig zurückfiel. Schleppender Netzausbau, Eitelkeit und Kompetenzgerangel von Ministerien, Ländern und Kommunen – die Vorwürfe kann Braun mitsingen und hält sie für ebenso berechtigt wie unerklärlich. Deutschland beweist, wie ein System mit zunehmender Lebensdauer immer komplexer geraten kann, bis zum Steuerungsverlust. 59 Prozent aller Deutschen, Europarekord, fühlen sich digital abgehängt, ergab eine Ipsos-Studie, aber nur 16 Prozent der Schweden.

Tapfer erzählt Braun von Gesetzesvorlagen, die digital im Kabinett bearbeitet werden, während Regierung und Behörden knapp 150 Millionen Blatt Papier beschriften. Seine Loyalität verbietet es ihm, die wahren Gründe für Deutschlands Netznotstand zu nennen. Erstens fehlt Panik, die Digitalisierung zuverlässig beflügelt. Dem Land geht es schließlich auch als digitalem Entwicklungsland noch ganz gut. Zweitens mangelt es an einem gemeinsamen Ziel, auf das sich alle Akteure ehrlich verständigen. Als Anti-Aggressions-Training hat Braun das Computerspiel Plague Inc. für sich entdeckt. Der Spieler muss mit einem Virus die ganze Welt infizieren. „Für einen Mediziner hochspannend“, sagt Braun und träumt womöglich von einem Digitalvirus, das dieses Land eines Tages infiziert. Auf der anderen Seite des Tiergartens sitzt Mart Laanemäe und amüsiert sich dezent über deutsche Langsamkeit. Es werde wohl zehn Jahre dauern, bis die Deutschen sich wieder nach vorn gearbeitet hätten, dorthin, wo sein Heimatland jetzt steht. Laanemäe ist Botschafter. Von Estland.

Hajo fragt nach - Chef BK und wie Deutschland digital wird

Begleiten Sie mich auf meiner Expedition in die digitale Gegenwart und Zukunft auf www.netzentdecker.de.

Haben Sie Fragen rund um Internet und Digitalisierung an die Netzentdecker? Dann schicken Sie einfach eine E-Mail an fragen@netzentdecker.de. Wir kümmern uns darum.

Das Projekt wird finanziert durch die Brost-Stiftung.

Mehr zum Thema:

Neue Kolumne "Netzentdecker" von Hajo Schumacher kommt

Hajo Schumacher erobert die digitale Welt