Nachtgestalten

Betteln in Berlin: Warum man großzügig geben sollte

Dieter Puhl, langjähriger Leiter der Bahnhofsmission am Zoo, schreibt über Menschen und Miteinander in der Stadt.

Dieter Puhl (62), ehemals Leiter der Bahnhofsmission, wurde 2018 zum Berliner des Jahres gekürt. Er schreibt ab jetzt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Dieter Puhl (62), ehemals Leiter der Bahnhofsmission, wurde 2018 zum Berliner des Jahres gekürt. Er schreibt ab jetzt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Warum macht er das nur mit mir? Es beschämt mich. Sehr. Er ist mein Freund, holt er mich zum Abendessen ab und wir fahren über den Ernst-Reuter-Platz, so hält Raimund stets vor der Ampel an und schenkt dem dort stehenden obdachlosen Zeitungsverkäufer 50 Euro, obwohl Raimund auch nicht viel mehr Geld als ich hat. Macht mich stets etwas fertig. Sie sollten den Beschenkten sehen, ich kann seine Freude kaum ertragen.

„Ein Almosen muss weh tun!, sagte Papst Franziskus in einem Interview und ich wurde rot, als ich das las und fühlte mich ertappt. Woher wusste er von meinem Geiz? Die 50 Cent oder der Euro sind doch immer eine Spende von der sicheren Seite. Weh tut das nicht, es ist noch immer genügend Geld für ein Vitello Tonnato vorhanden und für den guten, trockenen Riesling.

80 Euro im Monat

„Was will der Puhl hier von mir“, denken nun vermutlich einige, „ich kann doch nicht jedem etwas geben“. Und bevor Sie aufhören zu lesen, sage ich Ihnen: Doch. Genau das haben Bekannte von mir gemacht und das ist nicht leicht in Berlin. Fahre ich morgens manchmal länger U-Bahn, werde ich doch von drei bis vier Bettlern angesprochen. Meine Bekannten führten Buch darüber, wie oft sie angesprochen wurden und was sie gaben. Sie dokumentierten das für sich und kamen so im Monat im Durchschnitt auf 80 Euro.

Für viele zu viel, für etliche machbar, für mich allemal. Schenken sollte Freude bereiten, dem Beschenkten und aber auch dem Geber. Leider arbeite ich da noch an mir, langsam, zäh, aber erfolgreich. Man kann ein weiteres Herz trainieren. Ein gutes Beispiel war da übrigens schon als kleines Mädchen meine Tochter für mich. Im Urlaub gab ich ihr ein höheres Taschengeld, für Eis und Krams. Sie sparte es, um Geschenke davon zu kaufen, auch für mich. Dehnte meinen Herzmuskel beträchtlich.

Auf der Straße gibt es keine Gewinner

Betteln – meines Erachtens ein harter Job in Berlin. Oft sind die Menschen acht bis zwölf Stunden beschäftigt, machen dann einen Schnitt von acht Euro am Tag, werden beschimpft, bespuckt, belästigt. Und sind doch oft zu krank, um das alles auszuhalten. Glauben Sie bitte nicht den Spinnereien von Tageseinnahmen von 100 Euro, das sind Fantasiegeschichten, ebenso die Geschichten über Bettelbanden und Mercedesfahrer.

In 27 Berufsjahren in der Szene lernte ich nicht einen Gewinner auf der Straße kennen. Zu denen gehöre eher ich oder ich treffe sie abends im Restaurant. In der Tat kenne ich aber Familienverbände, die hier organisiert in Berlin betteln und ja, manchmal leben ganze Dörfer in den Heimatländern davon.

Bier kann auf der Straße Leben retten

Aber wenn wir schon bei Vorurteilen sind: „Die kaufen sich doch alle Bier davon und versaufen das Geld.“ Ehrlich – da ist was dran. In der Tat sind über 60 Prozent der obdachlosen Menschen suchtmittelabhängig, von ihnen konsumiert die deutliche Mehrheit Alkohol.

Die Alkoholerkrankung ist aber keine Befindlichkeit, kein Schnupfen, der von allein besser wird. Man benötigt qualifizierte Hilfen, das ist auf der Straße nicht leicht. Ein unbehandelter Entzug kann tödlich verlaufen, ein Bier dagegen Leben retten. Ein Kompromiss: Spenden Sie dem Betroffenen doch 50 Cent und weitere 50 Cent an eine Einrichtung, die ihm dabei behilflich ist, mit dem furchtbaren Saufen aufzuhören.

Dieter Puhl (62) arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission und leitete zehn Jahre die Bahnhofsmission am Zoo. Seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung – oder wie er sagen würde: die Abteilung Miteinander. 2018 kürten ihn die Leser der Berliner Morgenpost zum Berliner des Jahres.

Mehr Kolumnen von Dieter Puhl:

Kein Sommer für Weicheier

Oil of Olaz und Frischzellenkuren