Ich gehe auf recht viele Beerdigungen, privat, überwiegend aber auch aus meinem Job heraus – es sterben einfach zu viele obdachlose Menschen in Berlin. Da ist dann wenig Tröstliches zu finden, wenn ein Mensch auf der Straße verfault ist. Jannek* zum Beispiel ist leider verfault, bei lebendigem Leibe, Joe ebenfalls. Es gibt auch wenig Schönes drumherumzureden. Bei allem Bemühen und bei etlichen Lücken im Hilfesystem – leider kann vielen nicht geholfen werden. Und trotzdem ist der persönliche Abschied wichtig. Und dann gibt es die Beerdigungen, auf die ich mich freue, weil alles okay und versöhnlich ist. Wie die von Rudi.
Sein Vater war Pfarrer und es ging streng zu in dem Elternhaus, viel Liebe für Jesus und deutlich weniger für seine Kinder, sehr wenig für Rudolf, denn er schlug so gänzlich aus der Art, mit der Schule klappte es gar nicht, das Lesen und das Schreiben gehörten nicht zu seinen Begabungen.
„Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie“, schnell entwickelte der Junge sich zum Schwarzen Schaf der Familie und wenn es Prügel gab, sagte er zweimal „ich“.
Sein Vater knallte seinen Kopf in den Teller
Einige Geschichten waren übel. Rudolf mochte und konnte sein Mundwerk nicht halten, sein Vater knallte seinen Kopf in den Teller und der Junge durfte zur Strafe die blutige Suppe auslöffeln. Mutig und renitent stellte er sich schon jung gegen die Systeme, das durchzog sein Leben und blieb auch noch im Alter.
Er war schon da und war 66 Jahre alt, ich war 35 und kam hinzu. Er war Klient, ich wurde Sozialarbeiter in der Wohnhilfe Chamissoplatz der Berliner Stadtmission. Alles 27 Jahre her.
Und es ging gut mit uns, mir imponierten seine Erfahrungen, nirgends hielt er es lange aus, hatte stets Hummeln im Hintern und konnte tolle Geschichten erzählen, aus Deutschland und aus Europa. Als Knecht, Gärtner und Erntehelfer kam er viel herum.
Das erste Mal sesshaft im Leben
Ich hatte viel zu lernen, und er war geduldig mit mir, im Gegenzug ging ich entspannt mit seiner leichten Hysterie um. Ich erinnere mich gern an die Jahre, das Projekt, ein tolles Kreuzberg, prägende Menschen und Erfahrungen und Rudolf war immer dabei.
Na ja, die ersten Jahre war er einfach Herr K. für mich, das hatte viel mit Respekt zu tun. Bis er eines Tages mit Tränen in den Augen zu mir kam und sich beschwerte, alle würde ich duzen, nur bei ihm blieb ich beim Sie. „Mögen Sie mich nicht?“
Okay – dann sehr gerne Rudi.
Ein paar Jahre wohnte er noch im Projekt, das erste Mal sesshaft im Leben, fand dann eine eigene, kleine Wohnung – blieb dem Chamissoplatz aber treu.
Das mit dem Wohnprojekt ging damals ganz bescheiden los: Ein Zimmer – Büro mit Außentoilette und Ofenheizung, in strengen Wintern gingen die Temperaturen in den Keller und im Büro hätte man sich montags echt den Tod holen können. Wenn Rudolf nicht gewesen wäre und das gesamte Wochenende geheizt hätte. Kamen wir am Montag dann zum Dienst erwarteten uns keine drei Grad, sondern es glühte der Ofen und Rudi jagte das Büro auf immerhin 14 Grad. Den Rest erledigten warme Socken.
Liebe, Respekt und auch Zickenkrieg
Ein doch überwiegend gutes Miteinander von vielen, viel Kampf um das Thema Sucht und andere Widrigkeiten kamen auch noch vor. Hausgemeinschaft. Das wurde wichtig für viele und gab etlichen Halt. Mittendrin immer Rudolf. Auch unendlich dankbar, immer half er beim Abwasch.
Und auch sonst. Liebe und Respekt voreinander – ja! (Und manchmal auch Zickenkrieg.)
Vergessen möchte ich nicht, oh lieber Gott, war er eitel, Oil of Olaz und alle zwei Jahre eine Frischzellenkur hielten ihn jung und wenn man ihm dann mit 80 bescheinigte, er würde wie 65 aussehen, hossa, das ging ihm gut runter.
Vor 13 Jahren ging ich und Rudolf blieb dem Chamissoplatz treu. Danke hier an meinen Kollegen Michael, jeden Freitag um neun Uhr blieb über Jahre eine Stunde für Rudi reserviert. Plaudern, beim guten Kaffee und manchmal wurde auch Kram erledigt. Treue untereinander.
Mit über 90 darf man ruhig schwerhörig werden und der Austausch zwischen ihnen wurde immer lauter. Aber auch mit 93 – seine Augen strahlten und wach war er stets.
„Ach Papa, der Rudi ...“
Danke aber auch an viele im Umfeld der Heilig-Kreuz-Gemeinde – Heimathafen und dichte Begleitung über Jahre! Denn Menschen benötigen nicht nur eine Wohnung, sie benötigen einen Platz!
Pflegestufe III, längst hätte Rudi einen Platz in einer Pflegeeinrichtung finden können, seine Unabhängigkeit aber ging ihm über alles.
Nun rufe ich noch meine Tochter an, sie ist nun 30. Oft besuchte sie mich damals auf der Arbeit oder holte mich ab, mochte ihn sehr, sie wird traurig sein. „Ach Papa, der Rudi ...“
Vor einigen Tagen setzte Rudi sich in Kreuzberg auf eine Bank und machte einfach schlapp. Und sehr schnell starb er dann im Krankenhaus – guter Tod!
Dieter Puhl (62) arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission und leitete zehn Jahre die Bahnhofsmission am Zoo. Seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung – oder wie er sagen würde: die Abteilung Miteinander. 2018 kürten ihn die Leser der Berliner Morgenpost zum Berliner des Jahres.
*Alle Namen von der Redaktion geändert


