Nachtgestalten

Kein Sommer für Weicheier

Hitze und Unwetter machen das Leben für Obdachlose auch im Sommer schwer, sagt Dieter Puhl. Notschlafplätze gibt es meist nur im Winter

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019  führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Foto: Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Das waren leider einfach üble Tage für obdachlose Menschen: Gnadenlose Hitze machte das Leben zäh, alles war nur noch in Zeitlupe möglich, es gab wenig Schutz vor heftiger Sonne, viele kippten einfach um und dann kamen die Unwetter und die waren zum Teil ja auch gefährlich. Schläfst du im Park und Grünflächenanlagen, knallen dir die Äste auf den Kopf, Hagelschauer sind wie Granateneinschläge. Keine geeigneten Rückzugsmöglichkeiten. Menschen und Sachen sind nun durchweicht, kein Trockner, keine warme Dusche, keine Wechselwäsche und geht es mit Erkältungskrankheiten weiter.

Kein Sommer für Weicheier.

Liege ich mal drei Tage mit einer Erkältung flach, betrachte ich es als willkommene Auszeit, frischer O Saft, Sofa, ein gutes Buch und viel Schlaf.

Kein kuscheliges Bett aber für obdachlose Menschen und wer sollte ihnen den Saft bringen?

15 Kranken- und acht Pflegebetten stehen in Berlin zur Verfügung. Aus einigen Erkältungen werden Lungenentzündungen.

Stirbt ein obdachloser Mensch im Krankenhaus aber an einer verschleppten Lungenentzündung, erfährt die Öffentlichkeit nichts davon. Niemand zählt die Menschen, niemand dokumentiert das.

Und dann meinen etliche, im Sommer wäre alles nicht so schlimm.

Ich persönlich finde oft die Winter leichter, 1200 Notübernachtungsplätze, viele mit guter medizinischer Versorgung, alle haben Kleiderkammern, Abendessen und Frühstück, tolles Personal, das sich zusätzlich sorgt und kümmert, zwei Kälte- und ein Wärmebus, eine deutlich höhere Spendenbereitschaft.

Über 300 Notschlafplätze haben wir nun im Sommer in Berlin. Für aber 6000 bis 10.000 Menschen.

Neu ist das Problem nicht, die Obdachlosigkeit ist in Berlin seit Jahren auf hohem Niveau. Und fast jeder und jede Partei durfte schon mal politisch gestalten, in unterschiedlichen Konstellationen.

Ich bin da im Zwiespalt: Das Sozial- und das Gesundheitsressort machen eine Menge. Ja – und es ist noch immer zu wenig. Die Bezirke kommen auch zu wenig aus dem Knick, etliches liegt in ihrer Verantwortung, Mitte ist als Bezirk eine Ausnahme, Friedrichshain-Kreuzberg ist sehr bemüht. Ja – es fehlen weitere Versorgungseinrichtungen und Tagesstätten. Seit Jahren bekannt. Wohl 37.000 wohnungslose Menschen sind in Berlin untergebracht. Immerhin! Aber wie? Und was passiert da in den Einrichtungen bei 168 Millionen Euro Unterbringungskosten jährlich?

Es gab und gibt Strategiekonferenzen, es gibt eine Zählung, Planungen sind nicht nur zu erkennen, sie werden auch umgesetzt. Es fehlt wohl noch viel mehr an Geld, und dort, wo es vorhanden ist, bremst der Arbeitsmarkt, denn es gibt kaum Personal. Vielleicht ist alles in drei Jahren besser, das hilft der Mehrheit jetzt aber wenig.

Und ich übrigens bin ich der Meinung, diese Stadt ist sozial! Um vieles beneidet uns doch die gesamte Republik. Auch um unser Hilfenetz. Nicht aber um die Anzahl der Hilfebedürftigen.