Für Genießer ist es immer etwas ganz Besonderes, wenn die selbst gesetzten Erwartungen übertroffen werden. So erging es mir im „Dos Palillos“ im Hotel „Casa Camper“ an der Weinmeisterstraße. Als engagierter Gegner der Molekularküche und den Gerichten aus dem Chemiebaukasten erwartete ich keine großen Gaumenfreuden in dem Restaurant, das ins Deutsche übersetzt „Zwei Essstäbchen“ heißt, weil das Küchenkonzept vom spanischen Urvater der Stickstoff- und Injektionsnadel-Philosophie Ferran Adria entwickelt worden war. Auch, wenn ich stets leidenschaftlich für die französische Küche von Pierre Gagnaire, Robuchon oder Alain Ducasse eintrete, akzeptiere ich natürlich Adria als Visionär der aufwendig hergestellten fragilen Winzigkeiten mit veränderten Texturen. Davon gab es bisher immer 17 kleine Gänge, die auch noch von zwei Gästen auf dem Teller geteilt wurden.

Doch weil der Gast bekommen soll, was er sich wünscht, hat man neben dem Überraschungsmenü „Omakase“ eine interessante À-la-carte-Auswahl zusammengestellt. Das muss man loben. Darüber hinaus sind köstliche Geschmackskompositionen in Tapasgröße dabei. Das gilt gleich für den ersten Gang: Herrlich herzhafte Hähnchenhaut wurde mit Gurke, Rucola und scharfer Sauce zu einer Rolle verarbeitet. Auch die Kleinigkeit von mittelscharfen Pimentos mit Seeteufelleber und gebratenen Shitakepilzen war eine ausgewogene Köstlichkeit. Nicht begeistern konnte mich die Tempura-Interpretation. Da hatte ich mir etwas anderes vorgestellt, als in dünnem Teig gebackene Kirschtomaten und Tofuwürfel mit einer Winzigkeit von Wasabi und viel zu wenig Meersalz.

Vom Rind bis zum Schweinekinn

Doch die besten Gerichte folgten: gut abgehangenes Rindfleisch in hauchdünnen Scheibchen mit Miso und Wachtelei (natürlich wieder mit Pilzen) und das schmackhafte Schweinekinn kantonesisch, im Dampfbrot. „Dos Palillos“, das klingt erst einmal nach spanischen Spezialitäten, nach Pata Negra und Kastagnetten, doch die Küche ist komplett asiatisch ausgerichtet. Das ist in der gleichnamigen Erstausführung in Barcelona auch nicht anders. Darum die Namensverbindung mit den Essstäbchen. Die kann man sowohl bei Dim Sum (hier mit Garnele und Pancetta) oder auch mit der Seegurke plus Wachtelei und japanischer Bergkartoffel gut einsetzen. Ohne die winzigen Holzgeräte ist der Gast freilich bei Temaki zum Selbstrollen gefordert. In Nori-Blätter wird Sushi-Reis eingebracht und mit Thunfischfilets verbunden.

Einen witzigen Namen hat einer der Hauptgänge, „wok’n’roll“. Das ist kein Schreibfehler, sondern Rock’n’Roll im Wok. Hierbei handelt es sich um ein Sesamblatt (Shiso), Rindfleisch mit Ingwer und Babygemüse. Bei der japanischen Reinkultur ist auch das Dessert eigenwillig. So der „frozen garden“, eine Kombination aus Lychee granitée, Erdbeeren, schwarzem Sesam und gefrorenem Erdbeersaft.

Nur ein wenig ungereimt

Bei aller aufwendigen Detailarbeit in der einsehbaren Edelstahlküche gibt es auch Ungereimtheiten und geschmackliche Dissonanzen (nach persönlichem Geschmack). Das fängt bei dem Tutti Frutti von Algen und eingelegtem Gemüse an und endet beim sogenannten Matcha-Kuchen mit einer undefinierbaren Creme. Letztendlich überwiegen aber die erstklassigen Geschmackserlebnisse, drängen jede kritikwürdige Ausführungen klar zurück. Das gilt auch für die Würze, die Balance der Aromen und die appetitliche Präsentation. Zur Abrundung serviert die sehr freundliche und kompetente Bedienung unter anderem noch Dampfbrot und Teigtaschen mit Garnelen.

Bei einem früheren Besuch war der Küchenchef noch Bernhard Munding, der einige Jahre beim kreativen Dreisternekoch Joachim Wissler im Schloss Bensberg gelernt hat, und der hier an der Weinmeisterstraße der erste Zauberer am Herd war. Jetzt hat die Regie ein englischer Küchenkünstler übernommen, der sich den Gästen in lupenreinem Deutsch vorstellt.

Was kostet nun dieses Erlebnis, das sich vom „normalen“ Dinner abhebt? Omakase, die 17 winzigen Gänge in Tapasgröße stehen mit 65 Euro auf der Rechnung. Ganz ohne Frage, das ist bei dem Wareneinsatz durchaus günstig. Und das gilt auch für das neu eingebrachte À-la-carte-Menü. Da werden drei Gänge mit 27 Euro und fünf mit 42 Euro berechnet. Die Weinkarte ist klein und ebenfalls kundenfreundlich kalkuliert. Der erstklassige Bourgogne Chardonnay ist mit 48 Euro ausgezeichnet. Viele Gäste allerdings bestellen lieber Bier oder Sake. Die Qualität der Bedienung habe ich schon angesprochen, der Service war immer da, wenn man ihn brauchte und das machte den Besuch noch angenehmer im „Dos Palillos“ hinter riesigen Panoramascheiben. Angeschlossen ist das Restaurant an das Design-Hotel „Casa Camper“, nur einen Golfabschlag von den Hackeschen Höfen entfernt. Im weiß gehaltenen Gastraum stehen wenige Tische, am beliebtesten sind die Hocker vor der langen Theke, von wo aus man der Zubereitung zusehen kann. Ganz interessant, das Ferran Adria, der im El Bulli an der Costa Brava nur Molekularküche produzierte, hier ein durchaus akzeptables Konzept gestaltet hat. Fraglos steht unter dem Strich ein interessantes Esserlebnis. Es ist gewiss kein Dinner für alle Tage, aber für einen besonderen Abend sind Küche und Service durchaus empfehlenswert.