Seit das Sport- und Ferien-Resort am Scharmützelsee nach fünf ungünstigen Betreiberwechseln von der A-Rosa-Gruppe geführt wird, ist das Hotel mit so vielen Attraktionen wie drei Golf-Plätzen, Reit- und Tennisanlagen, Segelakademie und dem köstlichen Genießer-Programm für mich das beste Ziel für Aktivurlauber im Lande. Das Restaurant, „Villa am See“ genannt, mit herrlichem Ausblick und komplett neuem Küchenkonzept allein lohnt schon die einstündige Anfahrt von Berlin. Es ist ja bekannt, dass Restaurants im Berliner Umland vor allem dann besonders beliebt sind, wenn mit dem möglichst erschwinglichen Genuss von Essen und Trinken noch andere freudvolle Aktivitäten verbunden werden können, so wie ein Verdauungsspaziergang in der Natur. Hier im A-Rosa-Hotel werden all diese Wünsche erfüllt.
Vor Jahren, als die Villa am See mit der angenehmen Terrasse und traumhaftem Blick auf den See noch Weinwirtschaft hieß, hatte ich dort nur recht bescheiden gespeist. Heute ist das völlig anders. Gewiss will das aktuelle Team um Kulinarik-Chef Stefan Russ mit seinem Küchenmeister Matthias Rösch nicht unbedingt Sterneküche präsentieren, sondern setzt auf gute Produkte und unkomplizierte aber gekonnte Zubereitung. Das ist die Vorgabe von A-Rosa-Eigner Horst Rahe, der mit seinem Angebot eine möglichst breite Zielgruppe erreichen möchte. Die Menü-Karte ist gästefreundlich kalkuliert und in der Ausrichtung völlig anders als andere. Das Angebot ist nicht, wie üblich, nach Aufbau eines Menüs mit Vorspeisen, Zwischen- und Hauptgang sowie Dessert geregelt, sondern nach Länder-Spezialitäten.
Von Deutschland nach Österreich
Als typisch deutsche Gerichte beispielsweise steht die gebratene Steinbuttschnitte mit Pfifferling-Risotto oder geschmortes Kalbsbäckchen mit Leipziger Allerlei auf der Karte. Russ, der Küchenchef, der schon im Hamburger „Vier Jahreszeiten“ einen grandiosen Job gemacht hat, sorgt für einen zusätzlichen „Aroma-Segen“. Weil der Steinbutt an sich eher langweilig ist, braten die Köche hauchdünn geschnittene Chorizo zu aromatischen Chips und wertet das Gericht auf. So praktiziert das Russ auch bei einfachen Blattsalaten, wo er die gesottene Ochsenbrust und Spreewaldgurken mit dem Salat kombiniert. Von den österreichischen Nachbarn hat sich der Küchenchef zum Cappuccino von Pfifferlingen (ein köstliches Süppchen mit Sahnehaube) und gebratene Lachsforelle mit Kohlrabi im Rahm inspirieren lassen. Hier habe ich das Wiener Schnitzel vermisst, das aber steht in der Karte „Klassiker“. Das panierte Kalbsschnitzel brät Russ in geklärter, schaumiger Butter. Es ist besonders zart und kross, die Panade hat eine perfekte Bindung. Als Beilage wird – keine Überraschung – lauwarmer Kartoffel-Gurkensalat serviert. Auch der gebratene Zander mit Rahmsauerkraut und Kartoffel-Mousseline findet der Gast unter der Sparte „Klassiker“.
Über Spanien bis nach Italien
Die Spanienkarte beginnt mit baskischem Kanincheneintopf mit Sommergemüse und Ravioli. Ich wählte das Filet vom Retinto Rind, mit Chorizo und Paprika-Gemüse. Das Fleisch, butterzart, wird unter der Ochsenschwanzkruste serviert. Die einzige Kritik unterstreicht eigentlich das Lob: Von diesem schmackhaften Ochsenschwanz-Deckel hätte ich mir mehr gewünscht, das war nur eine Andeutung. An heißen Tagen ist das geeiste Süppchen von der Charentais-Melone besonders beliebt.
Aus der Abteilung „Italien“ kommt ein zarter Blumenkohl-Safran-Flan mit sautierten Flusskrebsen auf den Tisch. Das gebratene Salzwiesenlamm mit Kräutergnocchi hätte ich auch der Sylter Küche zuordnen können. Erstklassig sind die gebratenen Jakobsmuscheln. Von dieser Köstlichkeit kennt das Gourmet-Handbuch an die 100 Zubereitungsarten. Hier sind die Coquilles Saint-Jacques durch die Barolo-Butter besonders aromatisiert. Zu allen Länderangeboten gibt es stets eine Weinempfehlung, glasweise sowie als gästefreundlich kalkulierte Flasche.
Wo sportliche Aktivitäten den Tag ausfüllen, darf man sich auch zum Dessert bekennen. Köstlich der Topfen-Limonen-Auflauf mit Erdbeerragout und Basilikumsorbet oder der mit Aromen gebackene Pfirsich mit Champagnerschaum und Tahiti-Vanilleeis. Wer es herzhafter mag, genießt die Variationen von Rohmilchkäsen mit hausgebackenem Früchte-Nussbrot. Beim Brot erlaube ich mir, leise Kritik anzubringen. Statt der sogenannten Deckel-Brötchen, die in der Vergangenheit in einem Brotkorb auf einem Säckchen mit aufgeheizten Kirschkernen lagen und so stets knackig wie aus dem Backofen waren, gibt es jetzt nur noch einfache Brotscheiben. Schade. Die Idee mit dem Kirschkern-System hatte ich noch nie anderswo erlebt und gefiel mir ausgezeichnet. Vielleicht eine Anregung für die Küche.
Der Service ist immer zur Stelle, wenn man ihn braucht. Die Weinpflege funktioniert, die Weinkarte wurde deutlich verbessert. Vielleicht sollte man noch bei der guten Klientel zusätzlich zwei Grand Cru Classé aus Bordeaux, ein paar große weiße Burgunder und eines der namhaften italienischen Edelgewächse auf die Karte setzen. Ansonsten trifft die Breite jeden Wein-Geschmack.
Unter dem Strich ist das ein herrlich gelegenes Lokal, zauberhaft durch Romantikbilder, wenn die Sonne im See versinkt und einem guten Speiseangebot mit ordentlichem Preis-Leistungs-Verhältnis, für mich ein Grund mehr, das A-Rosa wieder zu besuchen.



