Mein Lieblingssatz aus der vergangenen Woche stammt von meiner zwölfjährigen Tochter. Er lautet: „Papa, kannst du bitte nicht so laut atmen?“ Es war 6 Uhr morgens, und eigentlich dachte ich, sie würde noch schlafen. Ich befand mich gerade mitten in einer komplizierten Rückenübung, dem sogenannten Vierfüßlerstand. Dabei streckt man Arme und Beine im Wechsel von sich weg, während man auf dem Boden kauert. Ich brach lachend zusammen.
Man muss dazu wissen, dass ich meiner Tochter schon seit einigen Jahren auf eine sehr lustige Weise peinlich bin. Ich habe nie ganz verstanden, warum. Eigentlich bin ich ein ganz netter und liebenswürdiger Typ. Aber sie hat da wohl ihre eigenen Vorstellungen. Einmal saßen wir zusammen im vietnamesischen Restaurant an der Ecke, ich trug einen Kapuzenpullover. Sie sah mich augenrollend an und fragte: „Papa, kannst du dich nicht einmal seriös anziehen?“ Ich schaute mich kurz um und zählte spontan drei weitere Männer meines Alters im Kapuzenpullover. „Was ist mit denen?“, fragte ich. Sie schüttelte nur den Kopf, seufzte und wendete sich wieder ihrem Smartphone zu. Ich wollte dann irgendeinen Witz machen, aber sie bedeutete mir mit an die Lippen gelegtem Zeigefinger, bitte endlich still zu sein.
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Nun atmete ich also angeblich zu laut. Wenn alles an mir peinlich ist, dann natürlich auch das. Nur atmete ich natürlich überhaupt nicht laut. Um sechs Uhr morgens weiß ich, was sich gehört. Ich schnaufte nur sehr diskret und versuchte dabei unseren winzigen Hund zu beruhigen, der den Vierfüßlerstand offenbar als Einladung zu einem verrückten Spiel verstand und deshalb aufgekratzt um mich herum wetzte.
Sowieso, dachte ich, war die Tochter mit Sicherheit nicht durch mich aufgewacht, sondern weil ihr an diesem Montag ihr erster Tag am Gymnasium bevorstand und sie deshalb nicht besonders tief schlief. Ich freue mich sehr für sie und für all die aufregenden Erfahrungen, die jetzt vor ihr liegen: neue Schule, neue Klasse, neue Fächer, neue Freunde! Das gibt es später im Leben ja immer seltener, dass sich am eigenen Umfeld alles so grundsätzlich ändert. Sie hat sich für Französisch als zweite Fremdsprache nach Englisch entschieden, und weil ich der einzige in der Familie bin, der sonst noch Französisch spricht, habe ich ihr schon häufig auf Französisch meine künftige Hilfe angeboten, was sie dann entsetzlich peinlich fand und in späteren Jahren sogar noch peinlicher finden wird, wenn sie nämlich rausfindet, dass meine französische Aussprache lausig und meine Vokabelkenntnisse mangelhaft bis ungenügend sind. Aber das bleibt vorerst geheim. C’est un secret, wie wir Franzosen so gern sagen.
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Aber eigentlich wollte ich hier über meinen Rücken jammern. Man sagt ja: Ich habe Rücken. Ich habe seit etwa zwei Monaten Rücken. Den Satz „Ich habe Rücken“ hörte ich zum ersten Mal aus der Mund einer Bühnenfigur des Komikers Hape Kerkeling namens Horst Schlämmer, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur des Grevenbroicher Tageblatts. Ein schmieriger Journalist im speckigen Trenchcoat, der bedenklich nasal röchelt, wenn er lacht und Frauen gegenüber nicht mit anzüglichen Sprüchen spart. Bin ich jetzt auch so einer geworden? Immerhin scheine ich schon bedenklich laut zu atmen. Je respire trop fort, sagen wir Franzosen.
Aber das Schöne ist: Die Übungen helfen tatsächlich. Und sie haben neben dem Vierfüßlerstand noch viele weitere interessante Wörter in mein Leben gebracht. Zum Beispiel Unterarmstütz, eine höllisch anstrengende Angelegenheit, oder Kuh/Katze, meine Lieblingsübung, bei der man sich auf allen Vieren mal in das eine, mal in das andere Tier verwandelt. Und am besten: Das alles hilft! Zumindest mir. Was ich dagegen nicht empfehlen kann, sind Gespräche mit Verwandtschaft und Freundeskreis über den Rücken. Innerhalb weniger Tage sammelte ich so unschöne Diagnosen wie Ischias, Haltungsschaden, falsche Matratze, Bandscheibe und dergleichen mehr. Was noch niederschmetternder ist: nach möglichen Ursachen zu googeln. Diesen Kosmos des Grauens werde ich in Zukunft meiden. Und zwar im Vierfüßlerstand.



