Horst Schlämmer

Isch komme aus Grevenbroich - eine Betroffene spricht

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Andrea Huber

Foto: dpa

Mit Hape Kerkelings Kunstfigur Horst Schlämmer kam eine Stadt in Nordrhein-Westfalen in die Schlagzeilen, von der viele bis dahin noch nie etwas gehört hatten: Grevenbroich. Kaum jemand ahnt, was das für die Menschen dort bedeutet und was die Grevenbroicher seitdem an Hohn und Spott über sich ergehen lassen müssen. Eine Betroffene berichtet.

Das Eingeständnis fällt nicht leicht: Ja, ich komme aus Grevenbroich. Schon vor ein paar Jahren fingen meine Probleme an, als der schnauzbärtige Journalist Horst Schlämmer mit dem Motto "immer discht dran und knallhart nachgefracht" via RTL in unser Fernsehleben trat. Erwähnte ich irgendwo, dass ich aus G. am Niederrhein stamme, war die ungläubige Reaktion: „Ach, wir dachten, der Ort sei erfunden.“

War der Irrtum aufgeklärt, belehrten mich meine Gesprächspartner mit einer Spur von Mitleid, dass ich den Namen meines Heimatortes offenbar nicht korrekt aussprechen könne: Es heiße schließlich Grevenbroisch und nicht Grevenbrooch… Vergessen wir mal das Dehnungs-i (jetzt weisse Bescheid, lieber Hape Kerkeling!): „Grevenbroisch“ klingt zugegebenermaßen witzischer als "Grevenbrooch", jedenfalls wenn es Horst Schlämmer als stellvertretender Tagblatt-Chefredakteur in unnachahmlicher Weise ausspricht.

Heute, ein paar Schützenfeste und einen Kinofilm namens „Isch kandidiere“ später, ist die Lage für Exil-Grevenbroicher nicht einfacher geworden. Erwähnen wir unsere Herkunft, ist die augenzwinkernde Frage „Hast Du Rücken?“ noch die harmloseste Bemerkung, mit der zu rechnen ist. Reagiere ich mit der Gegenfrage „Hast Du Kopf?“, liegt der Vorwurf der Humorlosigkeit nicht fern.

Dabei ist der rheinische Humor in seinen besten Momenten aller vordergründigen Jovialität zum Trotz von doppelbödiger Kraft. Im Film kommt das natürlich nicht ganz so deutlich raus wie beim alljährlichen Grevenbroicher Schützenfest. Allenfalls im Dialog zwischen Horst Schlämmer und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU). Der stammt ebenfalls vom Niederrhein und fragt den Neu-Kanzlerkandidaten Schlämmer mit unergründlicher Miene, ob er denn Angela Merkel schon einmal von dessen Kandidatur erzählen dürfe. Quasi um sie vorzuwarnen. Das ist große Kunst, in der die abgründige Seite des rheinischen Wesens durchschimmert. Leider hat „Isch kandidiere“ nicht viele solcher Momente.

Horst Schlämmers Stammkneipe „Wilddieb“ gibt es übrigens in der 65.000-Einwohner-Stadt nicht wirklich, wohl aber die Bürgermeisterkandidatin Ursula Kwasny (CDU), die sich die Haare toupiert und im Film eine möglicherweise unfreiwillig komische Rolle spielt. Ob sich ihr Kino-Debüt für sie auszahlt, werden wir am 30. August erfahren, wenn in GV Kommunalwahlen anstehen.

Manchem Grevenbroicher ist der Schlämmer-Rummel inzwischen unheimlich geworden. Verbürgt ist jedenfalls, dass sich drei Männer ihren im Rheinland noch immer recht beliebten Schnauzbart haben abrasieren lassen. Um jegliche Ähnlichkeit mit Horst Schlämmer aus ihren Gesichtern zu tilgen. Das ist ein Akt rheinischer Selbstverleugnung, der vor HS undenkbar schien.

Und was wird jetzt aus mir? Wenn jemand fragt, wo ich herkomme, sage ich neuerdings: aus der Nähe von Düsseldorf. Dass Düsseldorf bei Grevenbroich liegt, weiß ja kaum einer.

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