Ich werde darauf aufmerksam gemacht, dass ein Kollege eines anderen Verlags wieder einmal an der Mehrzahlbildung der Pfründe gescheitert ist. Es ist in unserem Beruf nicht üblich, die Grammatikfehler in fremden Zeitungen aufzuspießen. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, lästern dann die informierten Leser. Ich will es zurückhaltender ausdrücken: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Keine Tageszeitung ist fehlerfrei, auch die eigene nicht.

Doch unabhängig von der Fundstelle handelt es sich bei dem gesuchten Plural um einen häufigen Fehler. Nehmen wir einmal folgenden Satz: Die zahlreichen „Pfründe“ und Zuwendungen der Bundestagsabgeordneten bessern deren Diäten erheblich auf. Lassen wir den politischen Inhalt des Satzes weg, der mich leicht die Einladung zur nächsten Pressekonferenz kosten kann, und wenden uns der Grammatik zu. Natürlich hätte es heißen müssen: die zahlreichen Pfründen. Die Pfründe ist Singular, Einzahl, und der Plural, die Mehrzahl, lautet die Pfründen. Wir kennen das analog bei den Beispielen die Hürde, die Hürden oder die Würde, die Würden.

Die Pfründe ist ursprünglich die Bezeichnung für ein mit Einkünften verbundenes Kirchenamt, das schon im Mittelalter überaus begehrt war, wobei es sich um das Lehen („geliehener“ Besitz) eines Fürstbistums oder nur um eine Landpfarrei handeln konnte. Die mittelhochdeutsche Form lautete pfrüende (Kirchenamt mit Einkünften; Unterhalt; Nahrung, Lebensmittel) und war von lat. providere (versorgen) abgeleitet. Da katholische Geistliche wegen des Zölibats (Ehelosigkeit) keine legalen Erben haben durften, ließ sich mit solchen Pfründen jahrhundertelang Kirchenpolitik betreiben. Doch auch nach Luther waren die evangelischen Pastoren, zumal auf dem Dorf, auf bestimmte Pfründen angewiesen. Wahrscheinlich kennen Sie die Szene aus dem Film „Die Heiden von Kummerow“, in der der Dorfpastor von jedem zu konfirmierenden Kind eine möglichst fette Gans erhält und dann seinen Segen nicht nach dem Glauben, sondern nach dem Gewicht des Federviehs abstuft.

Da ich gerade beim Abschweifen bin, möchte ich noch einen Blick auf die karge Versorgung der früheren Dorflehrer in vielen deutschen Regionen werfen. Bei denen ging es nicht um Pfründen, sondern ums Überleben. So ein Schulmeister durfte ein Stück Land bestellen, das dürr und unfruchtbar war. Häufig musste der Dorflehrer nicht nur die Kirchenorgel spielen, sondern im Norden auch die Schweine zur Eichelmast in den Wald treiben. Immerhin lautete das Sprichwort auf Plattdeutsch: ’n goden Bullen un ’n goden Schoolmeester is veel weert för ’n Dörp. Man beachte die Reihenfolge: erst der Bulle, dann der Lehrer – aber immerhin der erste Ansatz dörflicher Bildungspolitik. Heute ist es umgekehrt. Die Kirche muss sparen und hat kaum noch Pfründen zu vergeben, während die Lehrer nicht mehr zu verhungern drohen. Im übertragenen Gebrauch wird Pfründe deshalb jetzt im Sinne von „gute Einnahmequelle“ verwendet.

Zurück zum Plural. Während im Englischen und Französischen der Plural, von wenigen Sonderfällen abgesehen, durch einfaches Anhängen eines -s an den Singular gebildet wird (the house/ the houses bzw. la maison/ les maisons), haben wir es im Deutschen mit vielen unterschiedlichen Pluralformen zu tun, wobei Lehn-, Fremd- und Fachwörter noch nicht einmal mitgezählt sind.

Teilweise erscheint der Stammvokal umgelautet (der Boden/ die Böden), und ab und zu reicht der Umlaut allein nicht aus, um die Mehrzahl zu verdeutlichen, sodass noch die Endung -er zu Hilfe genommen werden muss (das Bad/ die Bäder). Manchmal begnügt man sich mit einem einfachen -e (der Berg/ die Berge), mit einem -en (die Bahn/ die Bahnen) oder einem -ten (der Bau/ die Bauten) – eine Vielfalt, die für Ausländer kaum zu meistern ist.

Peter Schmachthagen schreibt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.
Peter Schmachthagen schreibt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.© Klaus Bodig

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