Deutschstunde

Nicht jede Wahrheit ist die ganze Wahrheit

Es geht um absolute Adjektive sowie um absolute und relative Verben. Kann ein Glas leerer als leer sein?

Die meisten Verben fühlen sich im Team am wohlsten, in Sätzen, in denen sie in Relation zu anderen Gliedern stehen. Erst wenn ein Verb sich nicht mit dem Subjekt als einzigem Begleiter zufrieden gibt, sondern Objekte oder adverbiale Bestimmungen sammelt oder gar fordert, bekommt die deutsche Stilistik eine angenehme Melodie. Das Kind sieht ist ein Satzfragment, das geradezu nach Vollendung schreit. Doch erst wenn wir ergänzen: Das Kind sieht am Morgen seines Geburtstags seine Geschenke, ist der Tag gerettet. Man könnte annehmen, dass die Sprache hier bereits vor Jahrhunderten eine Art syntaktisches Großraumbüro erfunden hat, in dem die Teile zusammengedrängt und voneinander abhängig sind. Wir sprechen deshalb von relativen Verben.

Es gibt allerdings auch absolute Verben, die kein Team um sich dulden. Um bei dem Vergleich aus der Arbeitswelt zu bleiben, könnte man sagen, sie benutzten ein Einzelbüro. schlafen ist so ein absolutes Verb: Das Kind schläft. In diesem Fall bedarf es keiner Ergänzung – anders als das relative Verb sehen (das Kind sieht), das sich ein Akkusativobjekt greift (den Luftballon). Auch zurückrufen im Sinne von „wieder anrufen“ ist ein absolutes Verb. Die meisten Leute glauben es nur nicht (weder an den Rückruf der Hotline noch an die Objektfreiheit des Satzes). Also sind sie großzügig und stellen dem Verb vorsichtshalber ein Objekt zur Seite – schon ertönt es aus dem Anrufbeantworter: „Wir rufen Sie zurück!“ Manche Dienstleister schmücken ihre Ansage zudem mit einem höflich klingenden Adverb: „Wir rufen Sie gern zurück!“ Ob der Rückruf nun gern, lieber oder am liebsten gar nicht erfolgt – ich wäre dankbar, wenn der Rückrufer mich dabei grammatisch und absolut aus dem Spiel ließe.

Es gibt übrigens auch absolute Adjektive. Im Allgemeinen kann man Adjektive steigern, um den Grad der Eigenschaft auszudrücken: schön (Positiv), schöner (Komparativ), am schönsten (Superlativ). Susis Kleid ist schöner als das von Greta, aber Jules Kleid ist am schönsten von allen. Manche Adjektive drücken jedoch in der Grundstufe bereits den höchsten Grad der Eigenschaft aus. Sie sind in dieser Hinsicht absolut. Das Adjektiv tot ist so ein Beispiel. Entweder ist jemand tot, oder er lebt; „toter“ als tot kann niemand sein. Mein Nachbar ist ledig, also unverheiratet; „lediger“ („unverheirateter“) ergäbe keinen Sinn. Auch schwanger ist ein Zustand, der sich nicht steigern lässt. Ein bisschen schwanger oder ein bisschen mehr schwanger geht nicht, weder in gynäkologischer noch in grammatischer Weise.

Die Begriffe optimal oder maximal drücken schon im Positiv die Grenze nach oben aus, sodass die Erzählung des Kollegen vom „optimalsten“ Erlebnis im Urlaub mir einen derart grammatischen Schmerz bereitete, dass ich seine Schilderung nicht mehr zur Kenntnis nehmen wollte.

Nun gibt es immer einige Schlauberger, meist im fortgeschrittenen Pensionsalter, die ihr Leben lang die Eselsbrücken aus dem Deutschunterricht der Kaiserzeit verinnerlicht haben und damit ihre Mitmenschen beglücken. Meist handelt es sich um Rechtschreibregeln („Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich“), aber auch um Grammatik-Fragen: „Aus dem leeren Glas fällt kein Tropfen.“ Ein leeres Glas kann nicht „leerer“ als leer sein, heißt es. Das führt zu der süffisanten Steigerung „leer, Lehrer, Oberlehrer“. Und dennoch können Adjektive, die einen höchsten oder geringen Grad ausdrücken (leer, still, wahr), in relativer Bedeutung zueinander stehen: Das Kino ist heute leerer als gestern; in den stillsten Stunden der Nacht.

Ein Leser rügte die von mir benutzte Floskel „in wahrsten Sinne des Wortes“; wahr sei wahr. Abgesehen davon, dass die Wahrheit nicht erst seit den Fake News durchaus verschiedene Grade haben kann, hatte ich eine Redensart aufgegriffen, die seit den Klassikern millionenfach in der Literatur gebraucht worden ist. Wäre sie falsch, müssten wir ganze Bibliotheken verbrennen.

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