Deutschstunde

Als Kleopatra ihren Körper lasziv in Kurven bog

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… hätte Cäsar fast das Fragezeichen erfunden, wenn er nicht vorher hinterrücks ermordet worden wäre.

Ein geschriebener Satz besteht nicht nur aus Buchstaben und Wörtern. Ein Satz benötigt auch bestimmte Zeichen, die ihn gliedern und die uns das Lesen und Vorlesen erleichtern. Diese Zeichen im Satz, Sie ahnen es, werden Satzzeichen genannt. Die Regeln ihrer Anwendung bilden die Interpunktion, auf Deutsch die Zeichensetzung.

Ein Satz braucht ein Schlusszeichen, damit wir nicht mit Karacho auf das Stauende der nächsten Sätze auffahren. Der Punkt, das Ausrufezeichen oder das Fragezeichen kommen als Satzschluss-zeichen infrage. Sie kennen alle das Fragezeichen, das aussieht wie ein (halber) Fleischerhaken mit einem Punkt darunter. Meine Tochter brachte seinerzeit die zweifelhafte Neuigkeit („Fake News“ sagten wir damals noch nicht) von der Schule mit nach Hause, nach der das Fragezeichen aus dem alten Ägypten stammen sollte. Obwohl Kleopatra auf dem Löwenfell-Lager ihren Körper so lasziv in entsprechende Kurven bog, dass Cäsar nicht widerstehen konnte, wurde er ermordet, bevor er diese Körperhaltung zu einem Satzzeichen gemacht hatte.

Man soll Kindern gegenüber die Autorität der Deutschlehrer nicht durch Spott und Widerspruch untergraben. Deshalb erklärte ich meiner Tochter, das Fragezeichen stamme von Felix, dem Kater der Nachbarin: Wenn er seinen Schwanz steif und gerade aufrichte, bilde er ein Ausrufezeichen und fauche den Dackel von gegenüber an, wenn er seinen Schwanz aber gebogen und gewellt präsentiere, stelle er sich die Frage, ob er sich gleich dem Napf mit Kitekat zuwenden oder vorher noch ein paar Küken jagen solle.

Das Fragezeichen, eine Lehnübersetzung von lat. signum interrogationis, stammt aus dem Mittelalter. In den karolingischen Minuskeln nach den Schriftreformen Karls des Großen finden wir am Ende eines Fragesatzes einen Punkt und eine Art schräg nach oben abfliegende Tilde (~), die anzeigt, dass hier die Stimme zu heben ist. Die Mönche in den Skriptorien (Schreibstuben) setzten an den Schluss eines Fragesatzes das lat. Wort quaestio (Frage). Dieses lange Wort wurde mit der Zeit als qo abgekürzt. Schließlich schrieb man aus Platzgründen das q über das o, woraus sich das heutige Zeichen entwickelte.

Ein Fragezeichen gehört ans Ende eines Fragesatzes, aber nicht immer. Ein eingeklammertes Fragezeichen steht innerhalb eines Satzes und weist auf etwas Unbewiesenes, Fragliches oder Unglaubwürdiges hin: Ein Ufo (?) landete in Schönefeld und brachte den neuen BER-Bauplan. Überhaupt kein Fragezeichen erhalten indirekte Fragesätze. Er fragte sie, wann sie kommen könne. Dagegen der direkte Fragesatz: Wann können Sie kommen?

Gehört das Fragezeichen zu einer Anführung, dann steht es vor dem schließenden Anführungszeichen. „Wie geht es dir?“ Der Schlusspunkt entfällt. Folgt hingegen ein Begleitsatz, muss seit der Rechtschreibreform immer ein Komma hinzugefügt werden: „Wie alt bist du?“, fragte er. Wird der übergeordnete Satz fortgeführt, steht ebenfalls ein Komma. Sie fragte: „Weshalb darf ich das nicht?“, und schaute mich wütend an. Ist der Einschub kein Satz, sondern ein Satzglied, muss hingegen ein Punkt gesetzt werden: Mich beeindruckte ihr mutiges „Weshalb darf ich das nicht?“.

Falls Sie nun ein wenig verwirrt sein sollten, wofür ich aber keine Verantwortung übernehmen möchte, bitte ich jetzt um erhöhte Aufmerksamkeit. Gehört sowohl zur Anführung als auch zum übergeordneten Satz jeweils ein Fragezeichen, dann müssen beide gesetzt werden: Kennst du den Roman „Quo vadis?“? Nach einem Fragezeichen kann zusätzlich ein Ausrufezeichen stehen, wenn die Frage gleichzeitig ein Ausruf ist: Auch du, mein Sohn Brutus?! In einem Einschub (Parenthese) steht das Fragezeichen vor dem zweiten Gedankenstrich: Im letzten Urlaub – erinnerst du dich noch? – hat es immer geregnet.

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