Ein Wort mit vier Buchstaben kann zu einem ungeahnten publizistischen Erfolg werden. Ich meine das Reflexivpronomen sich, das ich vor einer Woche an dieser Stelle betrachtet habe. Im Allgemeinen wollen wir in den „Deutschstunden“ mal hier und mal da in die deutsche Sprache greifen und einige Erscheinungsformen, Stolpersteine oder Regeln beleuchten, aber kein systematisches Sprachbuch schreiben. Deshalb überlasse ich Fortsetzungen lieber den Telenovelas und Seifenserien im Fernsehen, doch die Fragen, Anregungen und Ergänzungen zu den Reflexiva waren derart zahlreich, dass ich dieses Thema noch einmal aufgreifen muss.

Dabei wäre das Wörtchen sich für sich allein nicht mehr als ein versprengtes Nichts. Es geht daher, um existieren zu können, eine Symbiose, so eine Art sprachliche Wohngemeinschaft, mit einem Verb ein und dient dann dazu, den vom Verb bezeichneten Vorgang oder die vom Verb bezeichnete Handlung auf das Subjekt (seltener auf das Objekt) des Satzes rückzubeziehen. Demnach handelt es sich bei unserem sich also um ein rückbezügliches Fürwort oder fachsprachlich um ein Reflexivpronomen.

Das Reflexivpronomen sich ist ein Pronomen der 3. Person: Er wäscht sich. Beim reflexiven Gebrauch der 1. und der 2. Person müssen die Formen der Personalpronomen zur Hilfe geholt werden: Ich wasche mich. Du wäschst dich. Das Reflexivpronomen sich wird immer kleingeschrieben, selbst wenn es auf die stets großgeschriebene Höflichkeitsanrede Sie zurückweist: Setzen Sie sich bitte! Personalpronomen können (können!) als Anrede in Briefen (!) großgeschrieben werden, auch bei reflexivem Gebrauch: Erinnerst Du Dich? Das gilt aber nur für Briefe, doch keinesfalls für die wörtliche Rede: „Habt ihr euch gut erholt?“, wollte er wissen.

Frage: An welcher Stelle im Satz steht das Reflexivpronomen? Antwort: Möglichst weit vorn. Beispiele: Die Menschen wichen zurück, als sich der Zug näherte. Die Reisenden verabschiedeten sich mit Tränen in den Augen. Nach heutigem Sprachgebrauch steht das Reflexivpronomen im Nebensatz nach dem Einleitewort und im Hauptsatz nach dem finiten (gebeugten) Verb. Nicht falsch ist allerdings auch die Wortstellung nach dem Subjekt: … als der Zug sich näherte.

Manchmal bestehen Zweifel, ob das Reflexivpronomen sich oder ein Personalpronomen gebraucht werden sollte. Wird das Pronomen auf das Akkusativobjekt bezogen, steht das Reflexivpronomen: Ich sah den Zug sich nähern. Aber: Er hörte den Hauswirt die Treppe „zu sich“ heraufkommen? Das ist falsch. Richtig muss es heißen: Er hörte den Hauswirt die Treppe zu ihm heraufkommen. Zerlegen wir den Vorgang: Er hörte den Hauswirt. Er kam die Treppe zu ihm herauf. Im heutigen Deutsch gibt es Aussagen, bei denen sich grammatisch die Bezüge nicht unmissverständlich herstellen lassen.

Nehmen wir den Satz: Er sah seine Frau ihm zuwinken. Das kann harmlos sein, wenn sich ihm auf das Subjekt er bezieht. Dann steht er, der Ehemann, auf dem Bahnsteig und sieht, wie seine abreisende Frau ihm aus dem Abteilfenster zuwinkt. Das kann aber auch einen ganz anderen Hintergrund haben.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.
Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Dann versteckt sich der Ehemann hinter der Fahrplantafel und beobachtet, wie seine Frau einem Dritten, nämlich ihm, ihrem Liebhaber auf dem Bahnsteig, zuwinkt. So ein Satz reicht für ein Drehbuch zu einem typischen Freitagabend-Film im Ersten.

Die reziproke (wechselseitige) Beziehung zwischen zwei Subjekten kann durch die Formen der reflexiven Pronomen oder durch einander ausgedrückt werden: Sie begegneten sich vor Gericht – oder: Sie begegneten einander vor Gericht. Richtig ist beides, einander klingt heutzutage jedoch arg gestelzt. Unterscheiden sollten wir hingegen bei möglichen Missverständnissen: Sie trösteten sich (jeder sich selbst bzw. gegenseitig?) – oder eindeutig: Sie trösteten einander.

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