Deutschstunde

Heißt es nun der, die oder das Nutella?

Eine Nougatcreme trägt durchaus grammatische Probleme in sich. Und was schiefgeht, muss nicht schief gehen.

Nutella - aber mit welchem Artikel vorweg?

Nutella - aber mit welchem Artikel vorweg?

Foto: imago stock&people / imago/PanoramiC

Sie wissen schon: Der Morgen bestimmt den Tag, das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit, aber die Kinder sind häufig nicht zu überreden, ihrem Magen vor der Schule oder Kindergarten eine solche Grundlage zu gewähren. Das war bereits in meiner Jugend nicht anders. Meine Mutter kochte mir morgens mit viel Liebe und Vollmilch einen Haferbrei, der in der Eile und Aufregung nicht recht rutschen wollte, während mein Vater drohend in der Tür stand, seine goldene Taschenuhr aus der Weste zog und nach einem Blick auf die römischen Ziffern befahl: "Du musst los!"

Das ist knapp 70 Jahre her, und dieser Erzählung muss ich eine entscheidende Mitteilung hinzufügen: Damals gab es keine Nutella! Wie ich von vielen Seiten höre, pflegt diese braune Nuss-Nougat-Creme heutzutage die Familien friedlich am Frühstückstisch zu vereinen. Während die Kinder mit Schokoladenmund an ihren Kaisersemmeln kauen, greifen angeblich auch die Erwachsenen begierig zu diesem Brotaufstrich. Ich würde mich hüten, Rezepte und Erörterungen über Nougatcremes auf die Seite einer seriösen Tageszeitung zu bringen, doch es geschah vor ein paar Wochen, dass mein Eingreifen erforderlich war, weil sich eine Familie beim Nutella-Genuss zerstritten hatte.

Der Duden erlaubt auch "der Nutella"

Dabei ging es nicht um den Inhalt, sondern um das Geschlecht des besagten Brotaufstrichs. Heißt es die Nutella, das Nutella oder gar der Nutella? Eine solche weltbewegende Frage kann ein Familienfrühstück schon einmal abrupt beenden. Unter der Voraussetzung, dass mich nun niemand für einen gescheiterten Fernsehkoch hält, lässt sich dazu Folgendes sagen: Das Genus für diesen Marken- bzw. Produktnamen ist nicht festgelegt.

Meistens wird die weibliche Form die Nutella gebraucht. Sie ist abgeleitet von der aus dem Italienischen stammenden femininen Endung -ella. Die Form das Nutella ist jedoch ebenfalls möglich. Das Neutrum tritt häufig bei Fremdwörtern auf, für die es keine eindeutigen Gründe für das Maskulinum oder das Femininum gibt. Der Duden erlaubt zudem das männliche Geschlecht der Nutella.

Die Antwort, ich gebe es zu, klingt ein wenig nach Radio Eriwan. Ich kann der Familie nur raten, das Frühstück um zehn Minuten vorzuverlegen und jeweils das Geschlecht des Tages auszuwürfeln. Ansonsten empfehle ich das Femininum. Das ist zukunftsträchtiger, da einige kampferprobte Feministinnen ohnehin alles Maskuline und Neutrale aus der Sprache verbannen wollen.

Es ist ein Unterschied, ob es schiefgeht oder schief geht

Ich deutete bereits an, dass ich Autor und keine Sprachauskunft bin. Ich kann mich unmöglich um Fehler in Frankfurter Zeitungen oder um Versprecher im Radio Possenhofen kümmern. Doch manche der zugesandten Funde sind zu schön, um sie nicht aufzunehmen. Da las ich doch die Schlagzeile: "Wehe, wenn es für Hannelore Kraft schief geht!" Wenn es oder Hannelore Kraft schief geht, ist wahrscheinlich ein Hexenschuss im Spiel, der dazu zwingt, schief, sehr schief oder noch schiefer zu gehen. Da das Adjektiv in dieser Verbindung gesteigert oder erweitert werden darf, schreiben wir den Ausdruck getrennt.

Falls jedoch etwas schiefgeht, also nicht klappt, haben wir es mit einer übertragenen Bedeutung zu tun, die sich nicht steigern lässt – man kann reinfallen, aber nicht "reiner" fallen. In diesem Fall schreiben wir zusammen. Inzwischen ist es für Hannelore Kraft gehörig schiefgegangen, und zwar in einem Wort. Dabei war der Absturz der SPD so heftig, dass auch eine korrekte Rechtschreibung ihn nicht hätte aufhalten können.

Wie trennt man Eisenach?, fragt eine Leserin. Eigentlich Eisen|ach, denn der zweite Bestandteil -ach entspricht einem alten Wort für "Gewässer, Fluss". Da diese Kenntnis aber nicht sehr verbreitet ist, darf seit der Rechtschreibreform auch nach Sprechsilben getrennt werden: Eise|nach. Das Gleiche gilt für die Endung -au (Flusslandschaft, Insel im See): Reichen|au, Wach|au, Künzels|au, zumal "Künzel-sau" ein wenig anzüglich wäre.

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