Stellen Sie sich vor, Sie wären als Fremder in unser Land gekommen, sollen und wollen sich integrieren und müssten Deutsch lernen. Wir dürfen davon ausgehen, dass die deutsche Sprache in den entsprechenden Kursen anfangs wirklichkeitsnah und alltagstauglich vermittelt wird, damit Sie sich erst einmal in den wichtigsten Angelegenheiten zurechtfinden. Doch dann stoßen Sie auf folgenden Satz: Da hat Trump mit dem Anschlag in Schweden seinen Landsleuten aber einen Bären aufgebunden! Was hat der amerikanische Präsident getan? Alle Grizzlys abgeschossen, die Zoos geplündert und die armen Tiere tot oder lebendig den Amerikanern auf den Rücken geschnürt? Man traut Donald Trump ja einiges zu, aber hier kann etwas nicht stimmen.

Der Fehler liegt darin, dass der mit der rhetorischen Vielfalt unserer Muttersprache nicht vertraute Ausländer versucht, die Bedeutung des Satzes mit dem Bären wörtlich zu erfassen, also die Bedeutung seiner einzelnen Bestandteile zu kombinieren. Das klappt nicht. Nur wenn man weiß, dass die Wortgruppe jemandem einen Bären aufbinden in ihrer Gesamtheit eine bestimmte Bedeutung hat, und – auch das kommt hinzu – wenn man diese Gesamtbedeutung kennt, dann versteht man die Meldung richtig. Trump hat versucht, den Amerikanern etwas Unwahres als wahr zu verkaufen.

Die Wendung mit dem Bären kann also nicht aus der Bedeutung ihrer Einzelteile erschlossen werden. Diese Wendung hat eine feste Wortwahl und eine genaue Wortfolge, die nur begrenzt verändert werden darf. Sie hat eine übertragene Bedeutung und kann nicht wörtlich verstanden oder zerlegt werden. Unsere Sprache und Rede ist voll von solchen Wendungen. Deshalb werden sie Redewendungen genannt. Sie sind im Deutschen so zahlreich wie Sand am Meer – und schon haben wir wieder einen festen Vergleich benutzt, der nicht bedeutet, dass wir den Sand aller Strände in Tüten füllen wollten, sondern dass die Mengenbezeichnung „unendlich viel“ ausgedrückt werden soll.

Es gehört manchmal reichlich Sprachgefühl und Spracherfahrung dazu, um zu unterscheiden, ob eine feste Wendung wörtlich oder im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Der Satz Das ist aber ein dicker Hund kann bedeuten, dass die Witwe von gegenüber ihren Bello hoffnungslos überfüttert hat, kann bei entsprechender Betonung im Kontext aber ebenfalls auf eine erstaunliche oder empörende Tatsache hinweisen. Auch hier kommt es entscheidend darauf an, dass die Empörung nur in der Verbindung des Substantivs Hund mit dem Adjektiv dick zum Ausdruck kommt. Ein böser Hund weist dagegen eher auf die Begegnung zwischen Bello und dem Briefträger hin.

Eine Redewendung ist ein idiomatischer Ausdruck, deren Gesamtbedeutung nicht aus der Bedeutung seiner fest vorgegebenen Einzelwörter erschlossen werden darf. Eine Metapher ist übrigens keine Redewendung, sondern die Stilfigur eines poetisch übertragenen Bildes („Frühling des Lebens“). Zum Beispiel bezeichnet die Redewendung der goldene Mittelweg einen Kompromiss zwischen den Extremen, während bei der Metapher das goldene Himmelsfeuer jemand versucht hat, die Sonne in misslungener Lyrik zu umschreiben.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache
Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache

Man kann auch sagen, Redewendungen sind vorgefertigte Bauteile unserer Sprache, genormte Fügungen, die sich leicht zu einer Rede zusammensetzen lassen (womit ich das Deutsche nicht mit einem DDR-Plattenbau verglichen haben möchte). Manche Redewendungen werden, sobald sie eine Weisheit des Lebens enthalten, zu sprichwörtlichen Redensarten aufgewertet, kurz zu Sprichwörtern. Bei dem Sprichwort Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach handelt es sich demnach um keinen Bauteil der Sprache, sondern gleich um ein komplettes Fertighaus, das meist keine architektonische Meisterleistung ist, sich aber schnell hinstellen lässt.

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