Das Wort hoch ist das Gegenteil von tief. Der Turm ist hoch, das Loch ist tief. So weit, so klar. Dennoch erweist es sich als gar nicht so einfach, dieses kleine Wort korrekt in den Regeln der Rechtschreibung unterzubringen. Denn hoch ist nicht gleich hoch – hoch kann ein Adjektiv sein, dann bedeutet es „in beträchtlicher Höhe, in deutlicher Entfernung vom Erdboden“. hoch kann aber auch ein Adverb sein. Die Bedeutung ist nun „nach oben, aufwärts, in die Höhe“.

Es mag übertrieben klingen, diesen Bedeutungsunterschied jetzt bei der Getrennt- oder Zusammenschreibung der Fügungen mit hoch beachten zu sollen. Trotzdem kann es nicht schaden, sich ein paar Gedanken über den Grund dieser Regeln zu machen. Sie sind nämlich durchaus logisch.

In den letzten Wochen zogen immer wieder Wildgänse über unserem Dorf in Richtung Süden. Sie flogen in Keilform, und eine Gans, offenbar die Befehlshaberin der Reisegruppe, stieß regelmäßig einen typischen Schrei aus, um die Formation in richtiger Ordnung und richtiger Richtung zu halten. Die Gänse flogen hoch am Himmel, also in beträchtlicher Entfernung vom Erdboden. Es handelte sich demnach um hoch fliegende Gänse. Wir fragen: Wo flogen sie? Hoch oben. hoch in der Bedeutung „in großer Höhe“ ist ein Einzelwort. Aus diesem Grunde wird die Fügung getrennt geschrieben.

Ab und zu machten die Wildgänse Rast im Ödland zwischen den Dörfern. Wenn sie dann gestört und aufgescheucht wurden, flogen sie hoch. Jetzt handelt es sich um hochfliegende Gänse. Wir fragen nicht mehr: Wo fliegen sie?, sondern wohin fliegen sie? Vom Erdboden aufwärts. Wenn hoch als „nach oben“ verstanden wird, hat es nicht nur die Wortart, sondern auch die syntaktische und semantische Ausprägung gewechselt. Wir schreiben die hochfliegenden Gänse dann in einem Wort.

Es gibt noch weitere Merksätze, um zu unterscheiden, ob die Wortgruppen Adjektiv und Verb oder Adjektiv und Partizip zusammen- oder getrennt geschrieben werden. Zusammenschreibung ist immer angesagt, wenn das Adjektiv in einer Verbindung weder steigerbar noch erweiterbar ist. Bei unserem aufgestörten Gänseschwarm hinter dem Knick, der aufgeregt nach oben startet, lässt sich nichts steigern oder erweitern. Die „höher fliegenden Gänse“ flogen schreiend auf? Das geht nicht. Wir müssen zusammenschreiben. Aber die Wildgänse, die über mir gen Süden ziehen, können hoch, höher oder sehr hoch fliegen. In diesem Fall ist die Wendung sowohl steigerbar als auch erweiterbar. Wir schreiben getrennt.

Vielleicht sollten wir die Gänse ziehen lassen und uns einem anderen Beispiel zuwenden. Eine der häufigsten Fragen lautet: Heißt es groß schreiben oder großschreiben? Das kommt darauf an. Wenn gemeint ist, dass ein Wort einen großen Anfangsbuchstaben erhalten muss, wird es großgeschrieben. Größer als groß kann ein Buchstabe im orthografischen Sinne nicht sein. Groß- und Kleinbuchstaben lassen sich nicht steigern und nicht erweitern. Wir können sie nur großschreiben oder kleinschreiben. Wenn die Lehrerin jedoch ein Wort an die Tafel schreibt, sollte sie es groß schreiben oder besser sehr groß schreiben, nämlich in großer Schrift, damit der kleine Ben in der letzten Reihe es auch lesen kann. Kann er das nicht, muss die Lehrerin noch größer schreiben. Die Wortgruppe lässt sich jetzt steigern oder erweitern und wird somit getrennt geschrieben.

Es gibt Leute, die sprechen kein Deutsch, die fühlen es. Die fühlen, wenn eine Wendung ihre ursprüngliche Form verlässt und eine übertragene Bedeutung bekommt, die man zusammenschreiben muss. Man kann die Bierkästen hoch stapeln, man kann aber auch hochstapeln, sich als kleiner Felix Krull ausgeben und vortäuschen, was man nicht ist. Dabei wird der Betrüger zwar nichts hoch nehmen, seine Mitmenschen aber gehörig hochnehmen.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache
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