Das Berliner Sechstagerennen, diese eigentümliche Mischung aus Sport und Unterhaltung, steht wieder vor der Tür. In anderen Städten hat längst das „Sechstagesterben“ eingesetzt, Dortmund und Stuttgart fanden vor Jahren keine Sponsoren mehr für die Dauerveranstaltung. Nicht mehr zeitgemäß. Wer redet heute noch über das Sechstagerennen? Wer kennt die Fahrer? Nur noch eingefleischte Radsportfans.
Doch in Berlin lebt die Tradition fort, man feiert unverdrossen weiter, dieses Jahr zum 103. Mal. Warum gelingt das? Hier hat das Rennen eine ganz besondere Aura. Und das verdankt man Berlinern wie Krücke.
Wer Krücke kennenlernen will, muss eine Schellackplatte auflegen. Eine Zeitreise für das Ohr – „Eins, zwei, drei“, dann setzt das Otto-Kermbach-Orchester am Rande des Radrennens zum Walzer an. Der „Sportpalast-Walzer“ ist seit 1923 die Erkennungsmelodie der Sixdays. Doch nicht nur das Orchester ist zu hören; das ist hier kein Konzert, das ist ein Berliner Happening.
„Ab jeht die Post“, ruft ein Zuschauer ins Mikro. Ein mobiler Verkäufer bietet im Hintergrund lautstark Knabberzeug an. Und endlich beginnt der Sänger Alexander Flessburg: „Ach so ein Rennen ist fein/ jeder möcht gern erster sein.“ Gehampelt und gestrampelt werde, singt er, bis allen die Puste vergehe. Und bald erschallt Flessburgs Ruf: „Krücke, pfeif mal!“. Und Krücke pfeift sein berühmtes Pfeifen auf zwei Fingern im Takt der Walzer-Musik. Nein, er trillert regelrecht, kunstvoll wie ein Singvogel und trillert sich damit direkt in die Herzen der Zuschauer. Ein Hit ist geboren: „Auf’m Heuboden. Sportpalast-Walzer“.
Auf den billigen Plätzen unter dem Dach
Der Heuboden – so nennt man die billigen Plätze im Sportpalast. Ganz oben unter dem Dach, gleich über der Kapelle, dort findet man Krücke. „Mit der Zeit gründete ich meinen Ruf als Stimmungsmacher. Jedes Sechstagerennen hat tote Punkte, die der Veranstalter zu überbrücken sucht. Schlich ich mich dann zur Kapelle und legte ein Pfeifsolo ein oder lockte einem der anwesenden Prominenten eine neue Prämie aus der Tasche, stieg die Stimmung rasch wieder“, schreibt Krücke in seiner Autobiografie „Deutschlands Original Krücke. Auf Rennbahnen unter Rennfahrern“ – ein schmales Bändchen, 1950 auf gelblichen Nachkriegspapier gedruckt und damals für 1 DM zu haben. Und weiter: „Ich stand eigentlich nie allein bei diesen Aufmunterungsversuchen. Meine ,Truppe’ saß über den gesamten ,Heuboden’ verteilt.“ Dank Flüstertüten amüsiert man das Publikum mit launigen Sprüchen, und betritt ein berühmter UFA-Star die teure Innenarena, dann bleibt das vom Heuboden nicht unkommentiert. Adlerauge sei wachsam.
Aber wer war dieser Krücke? Eigentlich Reinhold Habisch, Kind des Berliner Ostens und Südostens, geboren 1889. Er schlägt sich durchs Leben, arbeitet mal dies, mal das. Das Radrennen fasziniert ihn früh, bald träumt er davon, selbst Profi-Radler zu werden. Doch mit 16 Jahren kommt es zu einem verhängnisvollen Unfall. „Eines Tages im Frühherbst stürzte ich auf verschmierter Straße und wurde von einer Straßenbahn überfahren.“ Die Sehnen des linken Beines bleiben für immer durchtrennt, beim Laufen braucht er nun eine Krücke.
Für manche derbe Zote setzt es Prügel
Witz und Schlagfertigkeit leiden aber nicht. Für manche derbe Zote setzt es später Prügel, aber auch da ist Krücke noch gut dabei, teilt aus, steckt ein. Den Spitznamen „Krücke“ bekommt er übrigens, als er in Treptow mit Kumpels Skat im Freien kloppt. Man spielt und trinkt, trinkt und spielt. So vergehen die Stunden. „Lediglich eine dringende Forderung, die sich anmeldete, brachte mich von meinem Sitz hoch.“ Reinhold muss aufs Klo. Doch wo steckt die verdammte Krücke? „Ich geriet in peinlichste Nöte. In letzter Verzweiflung begann ich zu schreien: ,Meine Krücke, meine Krücke, gebt mir meine Krücke.’“ Irgendwann sind die Mitspieler so genervt, dass sie auf einen Fahnenmast zeigen. Hoch oben, in fünfundzwanzig Meter Höhe, hängt Krückes Krücke. Ab jetzt hat er den Spitznamen weg.
Mit den Jahren werden seine Entertainer-Qualitäten mehr und mehr geschätzt, und Krücke verdient sich ein gutes Zubrot. Mit extra angefertigten Werbe-Pullovern betritt er nun den Sportpalast: „Ob früher oder später trinken alle Wurzelpeter“. Nein, Scham kennt er nicht. Vom Heuboden aus seilt er regelmäßig eine Sammelbüchse, die an einem Bindfaden hängt, ab, um in den Ehrenlogen, wo die Gutbetuchten sitzen, Geld für Freibier zu sammeln. Einmal wird es dem Pressechef des Sportpalastes, Fredy Budzinski, zu bunt. „Der Beifall, den ,Krücke’ nach jedem Pfeifkonzert empfing, machte den zum Original herangereiften Mann so übermütig, daß er meine Ermahnungen zu Anstand und guter Sitte fallen ließ und eines Abends seine Zwischenrufe etwas zu berlinerisch gestaltete.“
Auch berühmte Schauspieler sind vor seinen „etwas ordinären“ Zwischenrufen nicht gefeit. Die Folge – Krücke bekommt Hausverbot. Doch nicht lange. In einem Schreiben drohen „Die Apachen von Berlin“ dem Pressechef an, ihn öffentlich aufzuhängen und den Sportpalast in Schutt und Asche zu legen, wenn das Hausverbot nicht aufgehoben werde. Postwendend erhält Krücke seine Dauerkarte zurück.
Ein Zigarrenladen von Max Schmeling
Und dann wird ein Traum war – eine Geschichte, wie sie die UFA nicht besser hätte schreiben können. „Ich – das Sportpalast-Original – habe von Max Schmeling einen Zigarrenladen zum Geschenk erhalten.“ Er hatte den Boxer schon früh im Sportpalast gesehen, ihm eine große Karriere und einen Erfolg auch in den USA prophezeit. „Ich wette, Du wirst einmal eine große Kanone.“ Damit soll er Recht behalten. Als Schmeling 1929 aus New York zurückkehrt, ist er ein Star. „Wir trafen uns nach seiner Rückkehr eines Tages im Vorraum des Sportpalastes, und Max trat mit den Worten auf mich zu: ,Krücke, wieviel brauchst du?’ Und dann zog er sein Scheckbuch und füllte das nächste Blatt über eine Summer von 3000 Mark für Reinhold Habisch aus.“
Schmeling selbst erwähnt diese Episode zwar nicht in seinen „Erinnerungen“, aber Krücke kommt vor – „populärer als der Oberbürgermeister“ sei der Pfeifkünstler damals gewesen. Von dem Geld kauft sich Krücke einen Zigarrenladen in der Kommandantenstraße. Der Laden läuft. Endlich hat er ein geregeltes Einkommen. Aber dann kommen die „Tausendjährigen“, wie Habisch spöttisch schreibt. „Ich hatte viele jüdische Kunden, und ich bediente sie auch nach der ,Machtübernahme’ selbstverständlich weiter. Bis man mir eines Tages den sinnigen Spruch an das Fenster malte: ,Wer von Juden kauft und an Juden verkauft’ – usw.“
Ab da bleibt die Kundschaft weg. Ein Teil verlässt fluchtartig Deutschland, ein anderer wagt sich nicht mehr in den Laden, aus Angst vor Repressalien. Alles passt sich an – einen Berliner Anarcho wie Krücke mögen die neuen Herren nicht. Über sich selber schreibt er: „Ja, ,Krücke’, war während der zwölf üblen Jahre ein wenig gern gesehener Gast in den Sportarenen, jedenfalls seitens der NS-hörigen Veranstalter.“ Im Sportpalast dominieren nun die Parteiveranstaltungen: „Großes Flieger-Massenkonzert“ oder „Führertagung des Gebietes 3 der HJ“. Am Ort, wo früher der Heuboden getobt hat, ruft Goebbels 1943 den „totalen Krieg“ aus. Und das geliebte Sechstagerennen? Findet nach 1934 nicht mehr statt, auch der Sportpalast-Walzer wird nicht mehr gespielt. Der Komponist war jüdisch. Erst 1949 geht es mit dem Rennen wieder los – in der Sporthalle am Funkturm.
Krücke macht später wieder mit, aber der alte Zauber ist vergangen. Mit 75 Jahren stirbt er in West-Berlin, es sind die 60er-Jahre. Was er sich am Schluss wünscht? „Mögen noch recht viele Berliner Sechstagerennen folgen.“ So ein braver, pflichtschuldiger letzter Satz. Nach Krücke klingt das nicht.
Dank an die Musikabteilung der Staatsbibliothek Unter den Linden




